L. Z. Freiburg, im September

Der Zukunftsstaat zwischen Bodensee und Main, zwischen Rhein und Neckar hat zwar einen "Arbeitstitel" – nämlich "Südweststaat" –, aber noch keinen Namen. Das hat bei der Volksbefragung den Vorkämpfern für die Vereinigung von Baden und Württemberg gegenüber den Befürwortern der Wiederherstellung der alten Länder die gute Sache erheblich erschwert. Bis zuletzt schien zweifelhaft, wer siegen würde, der Südweststaatler Meyer oder der Altbadener Wohleb, zumal vor kurzem noch der Freiburger Kirchenfürst sich für Airbaden ausgesprochen hatte. Schließlich erfüllte sich die Prognose, die "Die Zeit" gewagt hatte: Mehrheit für den neuen Staat.

Daß die Bewohner von Nord- und Südwürttemberg sich mit überwältigender Mehrheit für den Südweststaat aussprechen würden, war keine Frage gewesen. Denn die Schwaben, deren Land 1945 durch die Grenze der Besatzungszonen gewaltsam getrennt wurde, sind kühle Rechner. Sie gewännen nicht nur ihr ganzes Württemberg wieder, sie wissen, daß eine Vereinigung von Baden und Württemberg dem neuerstehenden Südweststaat als drittstärkstem Staat des deutschen Bundes in Bonn ein starkes Gewicht gäbe; sie wissen außerdem, was sie an Baden gewännen: dieses seit der Abtrennung des Elsaß arme Land verfügt über gute Rheinhäfen in Mannheim, Karlsruhe und Kehl; im Schwarzwald gibt es trotz allem Raubbau der letzten fünf Jahre immer noch großen Waldreichtum; es gibt in Baden starke Wasserkräfte, die noch der wirtschaftlichen Ausbeute harren; es gibt Kalilager am Oberrhein und eine beachtenswerte Textilindustrie.

Schwieriger war die Entscheidung, die die Badener in Nord- und Südbaden zu treffen hatten. Auch sie haben es 1945 sehr bedauert, als ihr Land ebenfalls geteilt wurde. Doch zögerten sie bei der Frage "Altbaden oder Südweststaat?", weil sie wissen, wie sehr in Württemberg alles nach Stuttgart hin, der einzigen Großstadt dieses Landes, orientiert ist. Sie fürchten für die badischen Städte Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe, Offenburg und Freiburg. Und namentlich der Süden Badens, der überwiegend katholisch ist, will sich nicht gern in eine evangelische Majorität des gesamten Südweststaates eingliedern lassen.

Doch hat auch in Nordbaden die Mehrheit für den Südweststaat gestimmt. Diese Mehrheit war nicht so zahlreich, wie man in Stuttgart wohl erwartet hatte. Denn Karlsruhe, die ehemalige badische Landeshauptstadt, sprich sich mit überwiegender Mehrheit für Altbaden aus. In Südbaden haben die meisten für die Wiederherstellung der alten Länder gestimmt, vor allen Dingen im Rheintal, wo man sich mit Recht darüber beklagt, daß die große Rheintalstrecke für den gesamten internationalen Verkehr von Heidelberg über Karlsruhe–Freiburg nach Basel in zunehmendem Maße von Bruchsal durch das Hügelland nach Stuttgart abgeleitet wird. Die Badener fürchten nicht ganz zu Unrecht den schwäbischen "Imperialismus".

Noch ist es offen, was die drei Regierungen in Stuttgart, Tübingen und Freiburg in den nächsten Monaten miteinander aushandeln werden. Die Vertreter Ahbadens, an ihrer Spitze Staatspräsident Professor Wohleb, können darauf hinweisen, daß sie mit 564 000 gegen 548 000 in ihrem Südbadener Land eine Majorität haben; aber daß Nordbaden sich für den Südweststaat entschied, dürfte wohl den Ausschlag geben. Man wird aus politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Erwägungen nicht um den Südweststaat herumkommen, aber es wird Württemberg nicht erspart bleiben, den Badenern viel Verständnis entgegenzubringen, sonst dürfte die Vernunftehe sehr schwierig werden.