Ein Buch, das von der Katastrophe des Judentums in Polen berichtet, kann im Ganzen nur stützen, was schon erkannt ist: daß sich nachzivilisatorischer Barbarendünkel ein Objekt seiner Bestätigung suchte und es in den 3 1/2 Millionen polnischer Juden fand, die er (bis auf einen Rest von – 250 000) den Dämonen seines Herrenbewußtseins zum Schlachtopfer brachte. Doch der Erinnerungsbericht, auf den hier aufmerksam gemacht werden soll, enthält weit mehr als diese Einsicht. Sein Verfasser, Bernard Goldstein, überblickt aus der eigenen Erfahrung als aktiver Politiker den Selbstbehauptungskampf des polnischen Judentums in viereinhalb Jahrzehnten. Er hat als sechzehnjähriger Revolutionär 1905 im kaiserlich russischen Gefängnis gesessen, wurde 1915 nach Sibirien verschleppt, führte seit 1920 als jüdischer Arbeiterführer (von beiden Gegnern zum Tode verurteilt) einen Zweifrontenkrieg gegen Antisemitismus und Kommunismus, organisierte seit 1930 den jüdischen Selbstschutz gegen Progrome, nahm von 1940 bis 1943 an Elend, Widerstand und Katastrophe des Warschauer Gettos teil, kämpfte 1944 mit den Polen im Warschauer Aufstand, tauchte, als dieser zusammenbrach, unter, faßte 1945 die überlebenden Juden zur Abwehr jener neuen Progrome zusammen, durch die sich die Zahl der polnischen Juden von 250 000 auf 40 000 reduzierte, wurde von der NKWD verfolgt und konnte sich nur durch eine abenteuerliche Flucht (mit falschem tschechischem Paß) ins Exil nach Prag, nach Brüssel und endlich nach Amerika retten. Hier hat er, in jiddischer Sprache, zum Gedächtnis der Opfer einen schlichten, in seiner epischen Nüchternheit und Wahrhaftigkeit beklemmenden Bericht geschrieben, der jetzt auch in deutscher Ausgabe vorliegt (Europäische Verlagsanstalt, Hamburg).

Das Buch trägt den Titel "Die Sterne sind Zeugen", nach dem letzten Vers der Hymne des "Allgemeinen Jiddischen Arbeiterbundes von Polen", der der Sozialistischen Internationale angeschlossen war und dessen letzter überlebender Führer Goldstein ist. Wie ein grausiges Symbol wirkt das Schicksal der übrigen Führer dieser nach Art der britischen Labour-Party gewerkschaftlich aufgebauten sozialistischen Organisation: zwei von ihnen, Viktor Alter und Henryk Erlich, wurden im September 1939 bei dem Einmarsch der Roten Armee in Ostpolen von der NKWD verhaftet und im Keller eines Gefängnisses erschossen. Ein dritter, Artur Zitelboim, Ende 1939 mit Hilfe von Paul Henri Spaak von Warschau über Deutschland nach Belgien geschmuggelt, beging 1943 in London als Repräsentant der jüdischen Minderheit bei der polnischen Exilregierung Selbstmord "als Protest gegen die hartherzige Haltung der gesamten alliierten Welt gegenüber seinen Kameraden im brennenden Getto".

Man wird den Lebenskampf dieser Männer nur schwer verstehen können, wenn man nicht beachtet, daß mit der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Polens durch Hitler und in den Jahren nach 1945 zugleich eine bestimmte Richtung innerhalb des Weltjudentums starb. Der "Arbeiterbund", im gleichen Jahr 1897 gegründet, in dem Herz! zum erstenmal. das Programm einer Rückkehr nach Palästina aussprach, hat den Zionismus abgelehnt. "Sein Trachten war", sagt Goldstein, "politische, soziale und wirtschaftliche Rechte für die Juden da zu errichten, wo sie lebten – in unserem Fall in Polen. Das erscheint uns so natürlich, wie es für die amerikanischen Neger ist, ihre Rechte in den Vereinigten Staaten zu fordern und nicht die Lösung des Problems der Rassenungleichheit in Amerika etwa in einer Rückwanderung nach Afrika zu suchen".

Von hier aus wird die besondere Tragik des ganzen Vorganges ersichtlich. Es war nämlich dem "Arbeiterbund" in den dreißiger Jahren gelungen, in der Verwirklichung seines Zieles weit voranzukommen. Die polnische Regierung, die bis dahin (wie später die Hitlersche) nur über eine religiöse Behörde, den "Gemeinderat", der jüdischen Minderheit Weisungen gegeben hatte, sah sich 1938 vor der Tatsache, daß der "Arbeiterbund" die absolute Mehrheit aller jüdischen Stimmen erhielt. Sie löste den Gemeinderat auf und fügte sich in die Entwicklung der Dinge. "Der polnische Jude konnte zum erstenmal aufrecht und selbstbewußt einhergehen." Er hatte – mit Labour-Methoden – das Recht erkämpft, ein Handwerk zu erlernen, auf den Hochschulen zu studieren. Das unsichtbare Getto war durchbrochen. "Auf der höchsten Stufe, die der Jude auf dem Wege zur Anerkennung als menschliches Wesen erklommen hatte, im Genuß von nationalen und sozialen Rechten, wurde er von Hitler niedergeschlagen."

Der Zionismus (heute im Staate Israel realisiert) war zunächst nur die eine Form der Säkularisierung des Judentums, seiner Verwandlung aus dem zerstreuten "Volk Gottes" in eine moderne Nation. Die andere, als Volk in einem Mehr-Nationenstaat, wäre, da der Sowjetstaat die jüdische Nationalität leugnet und verfolgt, nur in Polen nach 1918 zu realisieren gewesen, weil nur hier das Judentum dicht genug siedelte, Der praktische Beweis war 1938 erbracht. Aber die Welt – einschließlich der Zionisten – hatte nicht Zeit, davon Kenntnis zu nehmen. Sie hat gar nicht den Versuch gemacht, dem Vernichtungsrausch der Gestapo in den Arm zu fallen, Und sie hat auch, als dieser Rausch verebbt war, nichts unternommen, was die Hoffnung Artur Zitelboims gerechtfertigt hätte: "Ich wünsche und glaube, daß die Handvoll polnischer Juden, die übriggeblieben sind, den Tag der Befreiung und die Gerechtigkeit des wahren Sozialismus erleben möge..."

Es ist sehr nötig, daß Goldsteins Buch überall gelesen wird. Es kann manchen Überheblichkeiten einen Riegel vorschieben, und es kann in Deutsch-– land insbesondere ein Verständnis, für die Tragödie vieler "Displaced Persons" wecken helfen.

Christian E. Lewalter