Der Verkehrsminister propagiert ein verkapptes Staatsbahnsystem Von Adolf Sarter, Reichsbahndirektionspräsident a. D

Man muß es einmal aussprechen: einige Kreise im Bundesverkehrsministerium sehen es betont ungern, wenn leitende Herren der Bundesbahn zu dem brennenden Thema der Bundesbahnverfassung Stellung nehmen. Wir haben daher Herrn Dr. Sarter, einen Experten des Verkehrs, der sich nicht mehr im aktiven Dienst befindet, gebeten, zu den Bundesbahngesetzes-Vorschlägen Stellung zu nehmen, da auf ihn diese Form der "verkehrministerlichen Politik" keine Einwendung finden kann.

Die Redaktion

Die Fragestellung: "Was wird aus der Bundesbahn?" bedeutet gewiß keinen Zweifel an dem Weiterbestehen der Bundesbahnals des bedeutendsten Gliedes des Verkehrs. Sie hat mit ihrer Betriebslänge von rund 30 000 km (ohne die Eisenbahnen der Sowjetzone und jenseits der Oder-Neiße-Linie) immer noch die Ausdehnung des britischen Eisenbahnnetzes. Sie bewältigt noch immer die wichtigsten Verkehrsmassen, wenn ihr auch der technische Vorzug der modernen Straßenverkehrsmittel und der Zustand dieses Verkehrszweiges das Leben recht sauer macht. Sie hat ihren technischen und kaufmännischen Apparat wieder auf eine beachliche Höhe gebracht, und amerikanische Gutachter erklärten sich kürzlich von dem hervorragenden Können und Wissen der leitenden Bundesbahnbeamten sehr beeindruckt.

Es fehlt aber noch die für alle Beteiligten – besonders die Bundesbahn und die Öffentlichkeit – notwendige Klärung der Verantwortlichkeiten für dieses größte deutsche Betriebsunternehmen. Seit Jahren ist hierüber soviel geriet, geschrieben und begutachtet worden, daß es nun wirklich an der Zeit ist, die Eingliederung des Unternehmens in die Verfassung und die Verwaltung des Bundes zu vollziehen.

Im Bonner Schaufenster des gesetzgebenden Bundestages liegen: heute zwei Eisenbahnermäntel zur Auswahl, von gleicher modischer Farbe, aber völlig verschieden in Form und Schnitt. Das neue Gewand soll seinem Träger, der Bundesbahn, ausreichende Bewegung und einen freien Schritt geben. Gleichseitig soll es aber ein Sitz und Schnitt sein, der auch dem Eigentümer, dem Bund und den Ländern, recht ist

Von den beiden Entwürfen, die gleichmäßig den Grundsatz der Selbstverwaltung des Unternehmens sich zu eigen machen, trägt der aus dem Lande Nordrhein-Westfalen stammende, vom Bundesrat und damit der Gesamtheit der Länder bereits angenommene Gesetzesvorschlag diesen Erfordernissen Rechnung. Das kann man von dem nachträglich aufgestellten Entwurf der Bundesregierung nicht behaupten.