Auf der Suche nach dem geeigneten Weg willigte ich daher ein, daß – wieder wie im September 1938 – die Brüder Kordt in London insgeheim in Aktion traten. Sie gaben englischen Freunden einen Hinweis, daß Hitler im Begriff sei, sie in Moskau zu überrunden. Als Antwort bekamen sie, ebenso vertraulich, die Versicherung, das werde nicht passieren. Die britische Regierung werde Hitler die Chance nicht geben, ihr zuvorzukommen. Das war beruhigend. Denn die Zusammenballung einer Triple-Entente London–Paris–Moskau war für den Frieden immer noch minder bedenklich als ein Pakt Berlin–Moskau mit dem Hintergedanken einer neuen Teilung Polens. Oft ist Politik nichts anderes als die Suche nach dem geringeren Übel.

Was mir in Berlin zu tun blieb, war ein Doppeltes: auf indirektem Wege die Polen und zugleich Hitler zu entmutigen und abzukühlen. Ich hatte also den Engländern klarzumachen, ihr Hilfsversprechen an Polen wirke wie ein Blankoscheck. Es lege die Entfesselung des Krieges in die Hände verantwortungsloser fremder Unterorgane. England und Frankreich müßten den Polen streng auf die Finger sehen. Die wiederholte öffentliche Versicherung, den Polen beizuspringen, bewirke nun gerade das Gegenteil: jene polnischen Unterorgane würden dadurch nur noch zügelloser, etwa nach Art des Vorsitzenden der polnischen See- und Kolonial-Liga, des Brigadegenerals Kwasniewski, mit seiner Rede Ende Juni 1939 am "Tag des Meeres". Für öffentliche Einschüchterung aber sei Hitler bekanntlich ein untaugliches Objekt.

Letztere Bemerkung war nötig, da besonders in England sogenannte offene Diplomatie betrieben und der Reichsregierung in Reden und Zeitungsartikeln gedroht wurde, statt Warnungen dem diplomatischen Kanal anzuvertrauen. Was Sir Edward Grey im Juli 1914 zu wenig getan hatte, tat die Regierung Chamberlain nunmehr zu viel.

Die Aufgabe, Polen zu verwarnen, ohne Hitler zu ermutigen, und gleichzeitig Hitler zu verwarnen, ohne Polen zu ermutigen, war eine Zwickmühle, die sich vor der Öffentlichkeit überhaupt nicht auflösen ließ. Der richtige Weg war der diskretere, aber um so deutlichere. Warschau trieb seine "Obersten-Politik" schon seit Jahren in der Spekulation auf die ausländische Toleranz, gleichgültig ob es sich um Wilna drehte oder um das Olsa-Gebiet oder Danzig. Und Hitler glaubte nicht an die britische Bündnistreue zu Polen. Verwöhnt und geblendet durch seine bisherigen Erfolge, hielt er sie für einen Bluff.

Meine Aufgabe war daher, im diplomatischen Gespräch so eindeutige Äußerungen der fremden Botschafter zu registrieren, daß Hitler nicht an ihnen vorbeigehen konnte und an sie glauben mußte. Henderson, mit dem ich einen gelockerten Verkehrston hatte, lieferte die gewünschten Äußerungen zur Genüge. Auch Coulondre sparte damit nicht.

Meine Gespräche mit den Botschaftern fanden selten den Beifall von Herrn v. Ribbentrop. Wegen eines solchen Gesprächs mit Henderson und meiner entsprechenden Notiz gab es im Juli 1939 zwischen Schloß Fuschl bei Salzburg, wo Ribbentrop sich eine Residenz geschaffen hatte, und meinem Sonntagsaufenthalt beim Fischermeister eines Sees in der Uckermark ein Ferngespräch, das mich veranlaßte, nach Fuschl zu fliegen. Ich mußte Herrn v. Ribbentrop sagen, ich sei kein Seekadett, er möge seinen Verkehrston ändern oder sich einen anderen Staatssekretär suchen. Ribbentrop lenkte dann ein.

Zu einer sachlichen Überzeugung führte das alles nicht. Ribbentrop glaubte nicht und wollte nicht glauben, daß die Alliierten mit Polen gemeinsame Sache machen würden. Über Hitlers Ansicht erfuhr ich in der zweiten Juli-Hälfte, daß er so sicher noch nicht sei, ob ein Krieg mit Polen zu lokalisieren wäre. War ihm das Objekt denn einen Krieg in Europa wert? Hier war der Punkt, um bei Hitler einzusetzen.