Im September 1938 gelang es der Münchner Konferenz noch einmal, den Weltbrand zu ersticken. Im März 1939 besetzte Hitler Prag. Es gab keinen Zweifel mehr: Das letzte Jahr des Friedens war angebrochen. Zum letztenmal marschierten die Diplomaten der Welt in Berlin auf: um zu paktieren, zu konspirieren, zu protestieren. über die Geschehnisse an diesem Vorabend des Krieges berichtet heute der ehemalige Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Ernst von Weizsäcker. Seine Lebenserinnerungen, aus denen "Die Zeit" bereits in ihren beiden letzten Ausgaben Vorabdrucke veröffentlichte, werden demnächst im Paul List Verlag, München, in Buchform erscheinen.

Von Sympathie für Deutschland war in der Welt nicht mehr viel zu spüren. Selbst Mussolini revanchierte sich für Prag, gewissermaßen indirekt, indem er am Karfreitag, ohne Hitler vorher etwas zu sagen, Albanien besetzte. Die Reaktion der Jugoslawen, Griechen und auch Türken gegen die Achse blieb nicht aus. Daladier sagte in diesen Tagen, Hitler habe ihn zum Narren gehabt. Chamberlain, der noch am Tag des Marsches auf Prag die Tscheche! abgeschüttelt hatte, schlug neue Töne an. Während die Großmächte sich um die Tschechen nur platonisch gekümmert hatten, bekamen sie nun Angst um ihr eigenes Dasein. Eine "blitzartige Verwandlung" der Politik des appeasement, wie Winston Churchill das genannt hat, war die Folge. Zugleich mit dem Protest in Berlin hielt Neville Chamberlain in Birmingham eine neue, sehr kritische, strenge Rede. London warf ein Netz von Garantieverträgen über Osteuropa aus, nach Griechenland, Rumänien und nach der Türkei. Sicher war, daß London, angetrieben von Washington, Hitlers Vorrücken in Europa definitiv abriegeln wollte. Beim nächsten Schritt würde es zuschlagen.

Nur so und nicht anders war die Londoner Regierungserklärung vom 31. März 1939 im Unterhaus zu verstehen. (Die Garantieerklärung Englands für Polen; d. Red.) Bekanntlich gehörte es als fester Bestandteil zur britischen Regierungskunst, sich nie ganz zu binden. Als Austen Chamberlain den Rhein-Pakt von Locarno schloß, der vorsichtig formuliert war, galt das in England schon als das Äußerste von britischen Bindungen an die Verwicklungen des Kontinents. Sein Bruder Neville aber band England fest an die Entschlüsse Polens. In einem normalen Bündnisvertrag versprechen sich die Partner militärische Hilfe für den Fall eines nicht provozierten Angriffs durch Dritte; ob der Fall vorliegt, entscheidet natürlich der Partner, der Hilfe leisten soll. Hier nun war es umgekehrt. Warschau hatte es in der Hand, das britische Empire in den Krieg zu ziehen. Der britische Minister und spätere Botschafter Duff Cooper drückte es so aus: nie in der Geschichte habe England einer zweitrangigen Macht die Entscheidung darüber eingeräumt, ob Großbritannien in einen Krieg einzutreten habe oder nicht. Jetzt sei diese Entscheidung einer Handvoll Leuten überlassen, deren Namen – mit Ausnahme vielleicht von dem des Obersten Beck – in England total unbekannt seien. Und diese Unbekannten könnten morgen die Entfesselung des europäischen Krieges befehlen. Soweit Duff Coopei.

Hitlers Marsch auf Prag hatte gewirkt wie eine Bombe mit Spätzündung.

Präsident Roosevelt ließ sich nun mit einem großen Friedensappell laut vernehmen. Er stellte dabei die Achsenpartner als die künftigen potentiellen Angreifer hin. Er sah von der diplomatischen Grundregel ab, vor seinem Appell bei den Beteiligten zu sondieren. Das war auf die Mentalität Hitlers schlecht berechnet, wenn der Aufruf zum Guten dienen sollte. England führte die allgemeine Wehrpflicht ein.

In einer Reichstagsrede vom 28. April 1939 keilte Hitler nach allen Richtungen aus. Den Präsidenten Roosevelt griff er persönlich an und machte sich über seinen Appell lustig. Das deutsch-britische Flottenabkommen von .935 sagte er auf, es habe seine Basis verloren. Das deutsch-polnische Abkommen von 1934, das noch fünf Jahre Laufzeit hatte, erklärte er für hinfällig. Die letztere Erklärung entsprach – von Berlin und von Warschau aus betrachtet – der politischen Wirklichkeit. Weshalb aber sie verkünden?

Hitler sagte um jene Zeit im engeren Kreis wiederholt – so wurde mir berichtet –, die polnische Frage reife für uns automatisch; wir hätten Zeit und würden geduldig warten. Hitler hatte bisher bewiesen, daß er eines verstand, nämlich Umstände und Menschen mit Verschlagenheit bis an den Punkt zu treiben, wo ein Konflikt im großen gerade noch vermieden werden konnte. War diesem Mann die Blindheit zuzutrauen, daß er jetzt alle seine Gewinne aufs Spiel setzen würde? Er war doch um ein gutes Stück intelligenter und durchtriebener als sein Außenminister. Er mußte doch erkennen, daß er zweimal, ja dreimal das Ausland hatte narren können, aber nun nicht mehr.