Was ist es anders als Gruppenegoismus, wenn die Gewerkschaften nur sich selbst sehen, wenn die Arbeitgeber erst mal an jedes Tarifgespräch widerwillig herangehen, wenn jede Verarbeitungs- und Verteilungsstufe die "Schuld" an Preissteigerungen weiterzuwälzen bemüht ist? Alle schießen über das Ziel hinaus, ob aus Demagogie oder aus kurzfristigem Gewinninteresse. Dabei wissen die Beteiligten, oder fühlen es doch zumindest, daß sich jeder Fehler rächt. Aber sie hoffen, gerade sie könnten den zwangsläufigen Folgen entgehen. Kurzsichtiger kann man nicht sein; denn: was will der Gewerkschaftsfunktionär seinen Arbeitern sagen, wenn der Reallohn infolge übertriebener Nominal-Lohnforderungen sinkt? Oder welche Entschuldigungen hat der Unternehmer vorzubringen, wenn er der zunehmenden Produktivität entsprechende, ökonomisch also gerechtfertigte Lohnforderungen verweigert und sich damit ihn hassende Arbeitnehmer, nicht aber Mitarbeiter großzieht? Oder darf sich der Häutespekulant beklagen, wenn ihm seine "Felle wegschwimmen", weil er mit seinen kraß überhöhten Preisen den Wirtschaftsminister zwingt, die Einfuhrschleuse zu öffnen? Es ist doch alles ein Komplex. Und den Folgen entgeht niemand.

Natürlich ist die gegenwärtige Konjunktur interessant. Ebenso natürlich ist, daß sich jeder einen möglichst großen Anteil am (sich stets vergrößernden) Sozialprodukt sichern will. Wir leben nun einmal mitten in einer Konjunktur, mag sie kurzfristig sein oder nicht. Aber der Aufschwung muß lenkbar bleiben. Was nützen die schönen Worte des Gewerkschaftsvorsitzenden Dr. Böckler oder von Dr. Schumacher, die sagen, Preissenkungen seien besser als Lohnerhöhungen, oder des Vorsitzenden des Bundesverbandes der Industrie, Berg, der seine Anhänger aufruft, man solle nicht zu umgehende Preissteigerungen innerbetrieblich auffangen? Von Worten fühlt sich keiner getroffen. Taten sind besser; denn seit der Währungsreform ist das Konjunkturbewußtsein so geschärft, daß man ohne Übertreibung sagen kann, jeder trägt die Veränderungen des Lebenshaltungskosten-Index mit sich herum, so daß man heute viel schneller mit Marktreaktionen rechnen muß als vordem. Doch, wie bei unseren ungeklärten Ressortverhältnissen kaum anders zu erwarten, haben die Taten, die nur das Ziel haben können, den Interessentenstreit zu neutralisieren, lange genug auf sich warten lassen. Jetzt sind einige zu registrieren – vielleicht nicht zu spät.

Von der Bank deutscher Länder wurden in Erhards Anwesenheit die Mindestreserven drastisch erhöht. Der Spielraum der Banken, Kredite zu geben, damit dem "Boom" finanziellen Rückhalt zu schaffen, ist damit eingeengt, Gleichzeitig scheint mit der Tatsache, daß der Wirtschaftsminister und nicht der Finanzminister der Sitzung des Zentralbankrats beiwohnte, unausgesprochen geklärt zu sein, daß innerhalb der Regierung künftig Erhard das Ressort "Geld und Kredit" betreuen wird. Zur selben Zeit widersprach die Regierung dem Wunsch der Amerikaner, im Bundesgebiet eine Kreditausweitung um eine Milliarde DM vorzunehmen. Die D-Mark bleibt also fest. So kann sie, weil auf dem Weltmarkt die Preissteigerungen stärker sind als bei uns, in die Werthöhe hineinwachsen, die ihrer Kaufkraft entspricht. Gleichzeitig wurde die freie Einfuhr von DM-Noten angekündigt. Die Europäische Zahlungsunion wurde in diesen Tagen zudem perfekt. Die freie Konvertierbarkeit der Mark konnte Erhard – gleichbleibende Umstände vorausgesetzt – folglich in Aussicht stellen.

Diese Maßnahmen auf der Geldseite sichern die zunehmende Außenhandelsfreiheit auf der Güterseite, mit der Rückwirkung, daß Auswüchse auf dem Binnenmarkt nicht durch Befehl, was heute immer problematisch ist, bekämpft zu werden brauchen, vielmehr prompt durch Importe gedämpft werden können. Und der Import, mit seiner jetzt 60prozentigen Befreiung vom Bezugschein, und die Einfuhrpolitik, Vorräte für "Spitzen" anzulegen, sind gegenwärtig wichtiger als der Export. Er wächst, von den Veränderungen auf dem Weltmarkt gut unterstützt, stetig. Im August übertraf er erstmals mit 184 Mill. $ die Einfuhr, einschließlich ERP ohne GARIOA. Sein Anteil an der Hausse – wir stehen in der Produktion bei 113 v. H. von 1936 (Juli 106); vor zwei Jahren hatten wir kaum 60 v. H. des Vergleichsjahres erzeugt – sein Anteil kann nicht hoch genug veranschlagt werden.

Man sieht: Erhard hat nicht die Absicht, von seinem Kurs abzuweichen. Und das ist gut so. Seine realistische Art, marktkonform auf die Vollbeschäftigung loszusteuern, Spekulationen zu unterbinden, den Interessenten pseudo-ökonomische Argumente zu entziehen und so Arbeitnehmer wie Arbeitgeber auf einer neutralen Ebene zusammenzubringen. Deutschland in die Weltwirtschaft hineinwachsen zu lassen: das ist richtige Politik. Es ist schade, daß er durch den Tod von Leonhard Miksch einen Mitstreiter verloren hat, der ebenso wie der vor fünf Monaten verstorbene Gründer der "Freiburger Schule", Walter Eucken, an den theoretischen Gedankengängen, die dieser Politik des "einen Komplexes" zugrunde liegen, stetig und erfolgreich mitgearbeitet hat. Bernd Weinstein