Von Anthony Morley

Washington, im September

Am Dienstag, dem 7. November, in fünf Wochen also, werden vierzig Millionen Bürger der Vereinigten Staaten in einer der ungewöhnlichsten Wahlen, die Amerika je erlebt hat, ihre Stimme abgeben. Ungewöhnlich ist nicht die Abstimmung selbst. Sie ist eine der turnusmäßigen, alle zwei Jahre stattfindenden Wahlen, durch die ein Drittel des Senats und das ganze Repräsentantenhaus neu besetzt werden. Ungewöhnlich aber sind die Umstände, unter denen mehr als 800 Kandidaten um die öffentliche Gunst streiten müssen. Auf einer Halbinsel, über 10 000 Kilometer von Kalifornien entfernt, führt Amerika einen unerklärten Krieg gegen den Kommunismus. Noch vor fünf Jahren waren die gleichen Kommunisten die scheinbaren Alliierten der gleichen Regierung, die heute die amerikanischen boys in die blutigen Schlachten gegen sie schickt. Diese Tatsache allein hat genügt, das gesamte Gesicht der Innenpolitik in den USA zu verwandeln...

Bis zum 25. Juni, dem Ausbruch des Koreakonflikts, sahen die Pläne sowohl der demokratischen als auch der republikanischen Wahlstrategen für den neuen Feldzug mehr oder weniger die gleichen Parolen vor, die schon in der Schlacht der Präsidentschaftswahl von 1948 gegolten hatten. Als eine überparteiliche "heilige Kuh" spielte die Außenpolitik dabei eine relativ kleine Rolle. Nur zuweilen tauchte sie auf beiden Seiten auf: in den republikanischen Vorwürfen über kommunistische Einflüsse im State Department und in den demokratischen Gegenbeschuldigungen, daß die isolationistische GOP (Grand Old Party, die Republikaner) versucht habe, das europäische Hilfsprogramm zu sabotieren. Der am heftigsten umstrittene Punkt war jedoch innerpolitischer Natur, nämlich wiederum der "Wohlfahrtstaat". Die Mehrheit der Republikaner lehnte ihn als zu sozialistisch ab. Die Demokraten sahen in ihm den einzigen Weg zur Sicherung des Wohlstands der Massen. Und da im Land tatsächlich ein beispielloser Wohlstand herrschte, war Grund genug zur Annahme, daß die Befürworter von Trumans Fair Deal erneut triumphieren würden, so wie sie bereits 1948 triumphiert hatten.

Dann aber – nach dem 25. Juni – wurden unglaublich schnell neue Frontlinien gezogen. Die Sorgen, die jeden Amerikaner angesichts der Situation in Korea befallen haben, ließen die schon lange wartenden Republikaner die Gelegenheit ergreifen, die Außenpolitik zu einem Programmpunkt ihre Wahlkampagne zu machen. Sie kritisieren nicht den Krieg selbst. Kein ernsthafter Kandidat würde dies wagen, auch wenn es seine Ansicht wäre. Aber sie haben begonnen, sehr pointiert zu fragen, wer wohl außer den Sowjets für die alarmierend starke Position des Kommunismus in Asienverantwortlich sei. Waren nicht die Demokraten während Yalta und Potsdam an der Macht? Erklärten sie nicht, daß jeder, der vor dem "good old Joe" warnte, ein Schlagzeilen jagender Provokateur sei? Die Republikaner – so sagen die Republikaner – haben die Truman-Acheson-Politik des Schwankens und des appeasement sehr genau beobachtet und "notiert". Sie stünden fest hinter Trumans Entschluß, gegen die Aggression in Korea zu kämpfen. Aber weder dieser Entschluß noch die Entscheidung, Formosa zu verteidigen, könne die Tatsache verschleiern, daß der Mann, der beide Entscheidungen traf, der gleiche Mann sei, der zuvor erklärt habe, daß Korea und Formosa ohne jede Bedeutung für Amerika wären. Führer, die sich so leicht von den Ereignissen überfahren ließen – sagen die Republikaner –, seien überhaupt keine Führer.

Im Gegensatz zu dieser aggressiven Haltung der GOP befindet sich Trumans Partei in der Defensive. Mit einem Krieg am Bein können sich die Demokraten nicht länger auf die Anpreisung des Wohlfahrtsstaates oder Attacken gegen Big Business beschränken. Denn das hieße den Verdacht einer Nachgiebigkeit gegenüber dem Kommunismus geradezu herausfordern. Man kann daher sicher sein, daß die Demokraten zurückschießen werden. Und sie haben nicht nur kleinkalibrige Munition auf Lager. Vor allem legen sie Wert auf die Feststellung, daß die Republikaner niemals so besorgt um die nationale Verteidigung und die drohenden wirtschaftlichen Gefahren gewesen seien wie gerade heute, wo derartig noble Gefühle geeignet schienen, Wählerstimmen zu fangen. Die Demokraten werden außerdem fortfahren, Kongreßabstimmungsergebnisse vorzulegen, um zu zeigen, daß die meisten Republikaner nicht nur beharrlich für eine Kürzung der Europahilfe gestimmt haben, sondern auch für eine Zurückhaltung militärischer Hilfe für eben jenes Korea, das sie jetzt alsPrüfstein der Treulosigkeit der Demokratie proklamierten. Trumans Partei kann gewiß behaupten, daß sie stets internationalen Angelegenheiten den Vorrang gegeben hat. Was sie nun zur Befriedigung ihrer Wähler beweisen muß, ist, daß die republikanischen Obstruktionen und nicht die demokratische Blindheit der Grund für die derzeitige unerfreuliche internationale Lage sind.

Dies sind, auf einen einfachen Nenner gebracht, die Angriffe und Gegenangriffe, die Amerikas Herbstluft mit zunehmender Schärfe erfüllen. Es ist wahrscheinlich – oder mindestens sehr viel eher möglich als noch vor kurzem –, daß die Republikaner von dem kommunistischen Vormarsch in Asien profitieren und zahlreiche Sitze im Kongreß erringen werden. Fest steht aber, daß Amerika seine internationalen Probleme neu in Angriff nimmt, mit dem Hauptaugenmerk auf Realitäten und nicht auf hochtönende Phrasen. Wieder einmal ist die Außenpolitik ein heiß umstrittenes Thema geworden. In Europa sollte man dies nicht als Schwäche auslegen, sondern als das hoffnungsvolle Auftauchen einer öffentlichen Anteilnahme, durch die allein jede demokratische Politik dynamisch und machtvoll bleiben kann. Die Vereinigten Staaten sind nun wirklich dazu übergegangen, den Kommunismus überall zu bekämpfen. Es wäre daher kein schlechtes Symptom, wenn ihre Bürger jenen Mann verdammen würden, der diese Politik formuliert hat, ohne sie zu verwirklichen, und zugleich an seiner Statt Männer in verantwortliche Positionen beriefen, von denen sie annehmen, daß sie ohne jede Vorbehalte kämpfen werden.