Nicht jede Zeit hat einen Brutus

Trotzdem: daß Hitler mit Deutschland, seinem Glück und seiner Zukunft derartig leichtfertig spiele, daß man es nicht mehr lange gewähren lassen dürfe, daß Hitler irgendwie entmachtet werden müsse, das war klar. Weshalb geschah nun nichts? Weshalb wurde der im September 1938 durch Chamberlains Erscheinen durchkreuzte Schritt (der Putsch der deutschen Armee; d. Red.) nun nicht im Frühjahr oder Sommer – 1939 nachgeholt? Ob es am rechten Manne fehlte? – Zum Brutus taugt nicht jeder, aber auch nicht jede Zeit für einen Brutus.

Der Deutsche eignet sich von Natur zum Revolutionär nur schlecht. Respekt vor der Staatsautorität ist ihm eingeboren. Aufruhr und Bürgerkriege, in anderen Ländern häufig, kommen in der deutschen Geschichte fast nie vor. Wer es unternimmt, der Obrigkeit in den Arm zu fallen, hat von vornherein mit einer starken Gegnerschaft zu rechnen, ganz gleichgültig, ob er sachlich recht hat oder nicht. Nun stand Hitler auf der Höhe äußerer Erfolge. Daß der Marsch, nach Prag ein Scheinerfolg, ein Irrweg und tatsächlich der Beginn des rapiden Abstiegs war, das sah die Menge nicht, zumal die Reaktion des Auslandes ihr verborgen blieb. Wer Hitler in diesem Stadium beseitigte, mußte damit rechnen, ein Hyperherostrat zu werden. Nur wenn der Zugriff erfolgte, um dem Volk das Unglück eines Krieges zu ersparen, würde das einigermaßen verstanden und hingenommen werden. Man war nicht einmal sicher vor einem Übergriff des Auslandes, wenn das Regime im Inland stürzte; man konnte nicht wissen, ob Tschechen, Polen und Franzosen stillhalten würden. Eine Verbindung aber von Unruhen oder gar von Bürgerkrieg auf deutschem Boden mit einer Intervention von außen, das war bestimmt nicht, was ein guter Deutscher und ein guter Europäer herbei wünschen konnte.

Hitler bewegte sich auf einem Weg der Sieherungen. Er schickte Herrn v. Neurath, unter dessen Vorfahren angeblich und sehr sinnreich Kaiser Karl IV. war, nach Prag als "Protektor" und als konservatives Firmenschild. In der Reichstagsrede Ende April 1939 verkündigte Hitler seine Bereitschaft zu Nichtangriffspakten mit europäischen und anderen Staaten. Die Dänen, Esten und Letten fanden sich dazu bereit. Das in Berlin groß aufgemachte Ereignis des Monats Mai aber war der deutsch-italienische Bündnisvertrag.

Seit dem Vorjahr, 1938, wo Ribbentrop bei Hitlers Italienreise von der faschistischen Regierung eine gründliche Absage bekommen hatte, war mehr von einem Dreieckspakt Berlin–Rom–Tokio gesprochen worden, freilich noch ziemlich verschwommen und mit der bei den Japanern üblichen Langsamkeit und Vorsicht im Eingehen von Pflichten und Verträgen. Jetzt glitt das Gespräch wieder auf eine zweiseitige Abmachung Berlin–Rom hinüber. Ribbentrop reiste Anfang Mai zu einer Begegnung mit Ciano nach Mailand und kam nach wenigen Tagen mit dem "Stahlpakt" in der Aktentasche wieder. Es war einer der Fälle, wo ich der naiven Unbefangenheit der Hitler-Ribbentropschen Politik einen so plötzlichen Erfolg nicht zugetraut hatte.

Hitler redete damals versöhnlich, Ribbentrop machte in Mailand den Friedfertigen, die Italiener wollten offensichtlich jetzt keinen Krieg. Mit der Intimität Berlin–Rom war es eigentlich nicht sehr ernst. Die beiden Vorgänge: Hitlers Marsch auf Prag, Mussolinis Besetzung von Albanien, jeweils überraschend für den anderen Kameraden, hatten das erst wenige Wochen vorher bewiesen. Und trotzdem kam nun ein Allianzvertrag zum Vorschein, der mehr einem Offensivbündnis glich als einem defensiven.

Was hatte diesen plötzlichen Wandel hervorgebracht? Mussolini war doch nicht auf den Kopf gefallen. Ciano litt nicht etwa an Germanophilie, und er war ein Mann vom Fach. Wegen seiner Sprunghaftigkeit und Unbekümmertheit allerdings war er mir stets verdächtig. Wie abrupt es aber in der Politik damals in Rom zugegangen ist, das wußte ich doch nicht. Das ist erst durch die Tagebücher Cianos und andere italienische Veröffentlichungen ganz ans Licht gekommen. Ich halte darum die Version wohl für möglich, daß Mussolini in einem Anfall von Mißlaune über die britische Presse, also ab irato, beschlossen habe, einen Bündnisvertrag mit absolutem Obligatorium in einem Augenblick mit Hitler abzuschließen, als die Freundschaft der beiden den Kulminationspunkt bereits überschritten hatte.

Diktatoren gleichen Schicksals

Nicht jede Zeit hat einen Brutus

Das Schicksal der beiden Diktatoren war, auch ohne Vertrag, tatsächlich ziemlich eng verknüpft, zum mindesten das Mussolinis mit dem von Hitler. Würde Hitler aus dem Sattel gehoben, so konnte man auch für Mussolini nicht mehr viel gelben. Soweit hatten die beiden Diktaturen international abgewirtschaftet, und insoweit war der "Stahlpakt" für den faschistischen Partner nur eine Bestätigung der wahren Lage. Solange Hitler seinerseits sich von effektiver Hilfe durch den Pakt und durch die italienische Wehrmacht nicht allzu viel versprach, mochte der Pakt ungefährlich sein. Einer allerdings, Herr v. Ribbentrop, der ihn in Mailand und am Gardasee in direkter Drahtverbindung zu Hitler abgeschlossen hatte, schätzte das Instrument höher ein. In rosiger Stimmung sagte er mir bei seiner Rückkehr: "Polen ist kein Problem mehr." Der 25. August 1939 hat die Quittung für diese Rechnung ausgestellt.

Übriggeblieben vom Abschluß des "Stahlpaktes" war aber noch etwas, nämlich der Kummer Görings, daß Ribbentrop als erster Vertreter des Dritten Reiches den Annunziaten-Orden erhalten hatte und damit "Vetter des Königs" geworden war. Dieses für Göring nachzuholen, war eine der undankbaren Aufgaben unseres Botschafters Mackensen in Rom.

Minder spektakulär und zugleich politisch viel bedeutsamer als der "Stahlpakt" mit allem Drum und Dran war im Frühjahr 1939 ein ganz anderer Vorgang. Ich glaube, daß es zuerst Stalin war, der im März 1939 öffentliche Andeutungen machte, er wäre für eine Verständigung mit Deutschland zu haben. Stalin fühlte sich seit München isoliert. Hitler war es seit Prag auch. In dieser beiderseitigen Isolierung mag Hitler, zunächst wohl in defensiver Absicht, eine etappenweise Annäherung an Rußland für möglich und für nützlich gehalten haben. Man traf sich wieder einmal wie in Rapallo 1922 im salon des refuses. Freilich nicht so natürlich wie zu jener Zeit. Damals hatten sich zwei Krüppel in der Not gefunden. In den seitdem verflossenen 17 Jahren waren beide ihre Krücken losgeworden. Sie konnten Dritten und auch sich gegenseitig gefährlich werden. Hitler hatte nichts unterlassen, um sich mit dem Moskauer Partner zu verfeinden, ja, er hatte sein ganzes politisches Gebäude auf die Anti-Moskau-Ideodogie aufgebaut.

Anerkennung für Stalin

Im April 1939 erfuhr man, daß Hitler erwog, sich mit den Sowjetrussen zu vertragen. Er hatte für Stalin mehr Anerkennung als für irgendeinen anderen Gegner. Stalin hielt er für ebenbürtig. Im Mai entließ Stalin den Außenkommissar Litwinow ohne erkennbaren Grund. Wollte er diesen Exponenten einer Sowjet-Freundschaft mit den westlichen Demokratien nun aus den Augen schaffen?

Am Pfingstmontag veranstaltete Ribbentrop auf Hitlers Weisungen Sonnenburg ein Gespräch mit mir und einigen anderen, wo das weitere Vorgehen behandelt wurde. Als Folge davon hatte ich bei dem Sowjet-Geschäftsträger in Berlin lose zu sondieren. Das Gespräch verlief zufriedenstellend. Ich habe es gern geführt, denn mir war es in der ganzen nationalsozialistischen Ära unklar geblieben, weshalb wir unseren zahlreichen Gegnern als Ausgangspunkt für ihre Politik die unabänderliche Gewißheit der deutschen Feindschaft gegen Rußland an die Hand gegeben hatten. Weder existierte ein deutscher Grenzstreit mit der Sowjetunion, noch hatte diese bei uns fühlbaren innenpolitischen Einfluß. Die Hoffnung also, in unserer jetzt bedrängten Lage diesen Fehler zu korrigieren, war verlockend. Mit dem Versuch einer Entspannung mit Rußland wurde wirkliche Außenpolitik gemacht, dem Frieden genützt und von innenpolitischen Doktrinen gründlich abgesehen. Eine schnelle und gründliche Annäherung, über ein normales deutsch-russisches Verhältnis hinaus, schien nicht zu erwarten und war von mir selbst auch nicht gewünscht.

Die Sowjetunion war indessen plötzlich wieder stark umworben. Am Horizont zeichneten sich seit April oder Mai 1939 die Umrisse einer neuen Triple-Allianz, ähnlich der vor dem ersten Weltkrieg, ab, wie sie Bismarck kunstvoll verhindert hatte. In Moskau begannen Engländer und Franzosen über ein Militärabkommen zu verhandeln. Schaltete Hitler sich hier erfolgreich und störend ein, so konnte das auf polnische Heißsporne abkühlend wirken. Ohne Deckung im Rücken blieb für Warschau die Hilfe Englands und Frankreichs von zweifelhaftem Wert.

Nicht jede Zeit hat einen Brutus

Wenn Hitler die Hand Stalins zu ergreifen suchte, nachdem er ihn bisher nicht genug hatte beschimpfen können, so konnte sich seine ursprünglich defensive Absicht schließlich auch in einen offensiven Plan verwandeln. Mit einem handfesten deutsch-sowjetrussischen Abkommen in der Tasche konnte er dann sehr wohl glauben, der Weg nach Warschau sei nunmehr frei, Polen sei ihm verfallen. Bei Hitlers Mentalität lag also auch ein Risiko für den Frieden darin, wenn er seine Rußland-Feindschaft opferte.

Anfang Juni 1939 war die letzte größere gesellschaftliche Veranstaltung, die Berlin gesehen hat, der Besuch des jugoslawischen Prinzregentenpaares. Meine Frau, die sich des Paares anzunehmen hatte, machte dabei die Beobachtung, daß Hitler unter dem Charme der Prinzessin stand. Er, der sonst bei offiziellen Anlässen zu seinen weiblichen Gästen sich verhalten konnte wie ein Ölgötze, überbot sich an kleinen Aufmerksamkeiten für die Prinzessin, zeigte ihr Räume und Kunstgegenstände, und als sie, auf die näher rückende Mitternacht weisend, von Aufbruch sprach, erwiderte er wie ein Verliebter: "Dem Glücklichen schlägt keine Stunde." Da konnte die schwache Hoffnung aufschimmern, als gäbe es im Innern dieses Mannes noch Raum für irgendeine menschliche Regung, und als könnte sein dämonischer Zug zur Katastrophe vielleicht noch einmal entgleisen.

Außer bei diesem jugoslawischen Besuch habe ich Hitler von Anfang Mai bis Mitte August 1939 nicht gesehen, auch nicht aus, der Ferne. Was Hitler auf seinem Obersalzberg trieb, war von Berlin aus schwer festzustellen. Orientierte Freunde beim Militär aber sagten mir, im Herbst komme unweigerlich der Einmarsch in Polen. Wenn es stimmte, daß Hitler den Einmarsch in Polen ernsthaft erwog, und wenn die Westmächte so zögernd mit Moskau verhandelten, wie es den Anschein hatte, dann allerdings konnte sich die "Schwebelage" zwischen Berlin und Moskau gefährlich ändern. Dann konnte es passieren, daß Hitler die Westmächte überflügelte und daß er im Rennen um Stalins Gunst schließlich Sieger blieb. Das mußte verhindert werden, wenn wir Frieden behalten wollten.