Das Schicksal der beiden Diktatoren war, auch ohne Vertrag, tatsächlich ziemlich eng verknüpft, zum mindesten das Mussolinis mit dem von Hitler. Würde Hitler aus dem Sattel gehoben, so konnte man auch für Mussolini nicht mehr viel gelben. Soweit hatten die beiden Diktaturen international abgewirtschaftet, und insoweit war der "Stahlpakt" für den faschistischen Partner nur eine Bestätigung der wahren Lage. Solange Hitler seinerseits sich von effektiver Hilfe durch den Pakt und durch die italienische Wehrmacht nicht allzu viel versprach, mochte der Pakt ungefährlich sein. Einer allerdings, Herr v. Ribbentrop, der ihn in Mailand und am Gardasee in direkter Drahtverbindung zu Hitler abgeschlossen hatte, schätzte das Instrument höher ein. In rosiger Stimmung sagte er mir bei seiner Rückkehr: "Polen ist kein Problem mehr." Der 25. August 1939 hat die Quittung für diese Rechnung ausgestellt.

Übriggeblieben vom Abschluß des "Stahlpaktes" war aber noch etwas, nämlich der Kummer Görings, daß Ribbentrop als erster Vertreter des Dritten Reiches den Annunziaten-Orden erhalten hatte und damit "Vetter des Königs" geworden war. Dieses für Göring nachzuholen, war eine der undankbaren Aufgaben unseres Botschafters Mackensen in Rom.

Minder spektakulär und zugleich politisch viel bedeutsamer als der "Stahlpakt" mit allem Drum und Dran war im Frühjahr 1939 ein ganz anderer Vorgang. Ich glaube, daß es zuerst Stalin war, der im März 1939 öffentliche Andeutungen machte, er wäre für eine Verständigung mit Deutschland zu haben. Stalin fühlte sich seit München isoliert. Hitler war es seit Prag auch. In dieser beiderseitigen Isolierung mag Hitler, zunächst wohl in defensiver Absicht, eine etappenweise Annäherung an Rußland für möglich und für nützlich gehalten haben. Man traf sich wieder einmal wie in Rapallo 1922 im salon des refuses. Freilich nicht so natürlich wie zu jener Zeit. Damals hatten sich zwei Krüppel in der Not gefunden. In den seitdem verflossenen 17 Jahren waren beide ihre Krücken losgeworden. Sie konnten Dritten und auch sich gegenseitig gefährlich werden. Hitler hatte nichts unterlassen, um sich mit dem Moskauer Partner zu verfeinden, ja, er hatte sein ganzes politisches Gebäude auf die Anti-Moskau-Ideodogie aufgebaut.

Anerkennung für Stalin

Im April 1939 erfuhr man, daß Hitler erwog, sich mit den Sowjetrussen zu vertragen. Er hatte für Stalin mehr Anerkennung als für irgendeinen anderen Gegner. Stalin hielt er für ebenbürtig. Im Mai entließ Stalin den Außenkommissar Litwinow ohne erkennbaren Grund. Wollte er diesen Exponenten einer Sowjet-Freundschaft mit den westlichen Demokratien nun aus den Augen schaffen?

Am Pfingstmontag veranstaltete Ribbentrop auf Hitlers Weisungen Sonnenburg ein Gespräch mit mir und einigen anderen, wo das weitere Vorgehen behandelt wurde. Als Folge davon hatte ich bei dem Sowjet-Geschäftsträger in Berlin lose zu sondieren. Das Gespräch verlief zufriedenstellend. Ich habe es gern geführt, denn mir war es in der ganzen nationalsozialistischen Ära unklar geblieben, weshalb wir unseren zahlreichen Gegnern als Ausgangspunkt für ihre Politik die unabänderliche Gewißheit der deutschen Feindschaft gegen Rußland an die Hand gegeben hatten. Weder existierte ein deutscher Grenzstreit mit der Sowjetunion, noch hatte diese bei uns fühlbaren innenpolitischen Einfluß. Die Hoffnung also, in unserer jetzt bedrängten Lage diesen Fehler zu korrigieren, war verlockend. Mit dem Versuch einer Entspannung mit Rußland wurde wirkliche Außenpolitik gemacht, dem Frieden genützt und von innenpolitischen Doktrinen gründlich abgesehen. Eine schnelle und gründliche Annäherung, über ein normales deutsch-russisches Verhältnis hinaus, schien nicht zu erwarten und war von mir selbst auch nicht gewünscht.

Die Sowjetunion war indessen plötzlich wieder stark umworben. Am Horizont zeichneten sich seit April oder Mai 1939 die Umrisse einer neuen Triple-Allianz, ähnlich der vor dem ersten Weltkrieg, ab, wie sie Bismarck kunstvoll verhindert hatte. In Moskau begannen Engländer und Franzosen über ein Militärabkommen zu verhandeln. Schaltete Hitler sich hier erfolgreich und störend ein, so konnte das auf polnische Heißsporne abkühlend wirken. Ohne Deckung im Rücken blieb für Warschau die Hilfe Englands und Frankreichs von zweifelhaftem Wert.