Wenn Hitler die Hand Stalins zu ergreifen suchte, nachdem er ihn bisher nicht genug hatte beschimpfen können, so konnte sich seine ursprünglich defensive Absicht schließlich auch in einen offensiven Plan verwandeln. Mit einem handfesten deutsch-sowjetrussischen Abkommen in der Tasche konnte er dann sehr wohl glauben, der Weg nach Warschau sei nunmehr frei, Polen sei ihm verfallen. Bei Hitlers Mentalität lag also auch ein Risiko für den Frieden darin, wenn er seine Rußland-Feindschaft opferte.

Anfang Juni 1939 war die letzte größere gesellschaftliche Veranstaltung, die Berlin gesehen hat, der Besuch des jugoslawischen Prinzregentenpaares. Meine Frau, die sich des Paares anzunehmen hatte, machte dabei die Beobachtung, daß Hitler unter dem Charme der Prinzessin stand. Er, der sonst bei offiziellen Anlässen zu seinen weiblichen Gästen sich verhalten konnte wie ein Ölgötze, überbot sich an kleinen Aufmerksamkeiten für die Prinzessin, zeigte ihr Räume und Kunstgegenstände, und als sie, auf die näher rückende Mitternacht weisend, von Aufbruch sprach, erwiderte er wie ein Verliebter: "Dem Glücklichen schlägt keine Stunde." Da konnte die schwache Hoffnung aufschimmern, als gäbe es im Innern dieses Mannes noch Raum für irgendeine menschliche Regung, und als könnte sein dämonischer Zug zur Katastrophe vielleicht noch einmal entgleisen.

Außer bei diesem jugoslawischen Besuch habe ich Hitler von Anfang Mai bis Mitte August 1939 nicht gesehen, auch nicht aus, der Ferne. Was Hitler auf seinem Obersalzberg trieb, war von Berlin aus schwer festzustellen. Orientierte Freunde beim Militär aber sagten mir, im Herbst komme unweigerlich der Einmarsch in Polen. Wenn es stimmte, daß Hitler den Einmarsch in Polen ernsthaft erwog, und wenn die Westmächte so zögernd mit Moskau verhandelten, wie es den Anschein hatte, dann allerdings konnte sich die "Schwebelage" zwischen Berlin und Moskau gefährlich ändern. Dann konnte es passieren, daß Hitler die Westmächte überflügelte und daß er im Rennen um Stalins Gunst schließlich Sieger blieb. Das mußte verhindert werden, wenn wir Frieden behalten wollten.