Die bereits totgesagte UNO ist wieder auferstanden. Spötter meinen, sie habe sich wie ein Phönix aus der Asche von Korea erhoben. Fest steht jedenfalls, daß die Vereinten Nationen durch ihr rasches Handeln im koreanischen Krieg über Nacht erneut zu einem Hauptfaktor der Weltpolitik geworden sind. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum die Sowjetunion ihren Boykott aufgab und wieder in den Sicherheitsrat zurückkehrte. Die in der vergangenen Woche in New York eröffnete fünfte Vollversammlung ist daher im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen nicht nur eine Plattform für Propagandareden. Sie ist der Schauplatz einer wichtigen diplomatischen Schlacht, deren Ausgang die neue Phase des Kalten Krieges bestimmen wird.

Schon die Eröffnungssitzung der Generalversammlung nahm einen außergewöhnlichen Verlauf. Unmittelbar nach der "Minute des Schweigens" konnte die auf der Tagesordnung vorgesehene und bisher stets ohne Schwierigkeiten absolvierte Ernennung eines Komitees zur Prüfung der Beglaubigungsschreiben nicht erfolgen. Der Vertreter Indiens, Sir Benegal N. San stellte nämlich sofort den formellen Antrag, "die Generalversammlung möge beschließen, daß die Zentraltegierung der Volksrepublik China durch akkreditierte Vertreter befugt sein soll, die Republik China in der Generalversammlung zu vertreten". Nachdem der russische Außenminister Wyschinski einen ähnlichen Antrag eingebracht und Außenminister Acheson beiden Anträgen widersprochen hatte, kam es zur Abstimmung, bei der der indische Vorschlag mit 33 gegen 16 Stimmen bei 10 Stimmenthaltungen abgelehnt wurde. Für den Antrag stimmten unter anderem friedlich vereint: Israel, England, Jugoslawien und die Sowjetunion.

Die Frage, wer der rechtmäßige Vertreter des Mitgliedstaates "Republik China" in der UNO ist, ist damit jedoch nicht erledigt. Dies wird vielmehr im Verlauf der Tagung noch einmal durch das Beglaubigungs-Komitee, dem die "Großen Drei" angehören, geprüft werden. Und außerdem enthält die Tagesordnung auch noch einen Antrag Kubas auf "grundsätzliche Klarstellung der Legalität der Vertretung eines Mitgliedstaates". Es ist keineswegs unwahrscheinlich, daß das Ergebnis aller dieser Beratungen schließlich doch die Zulassung Rotchinas sein wird. Mao Tse Tung allerdings in der Zwischenzeit in Korea oder in Indochina interveniert, oder versucht auf Formosa zu landen, dürften seine Chancen wieder auf null herabsinken,

Mit der Rückkehr des sowjetischen Vertreters in den Sicherheitsrat trat sofort das Veto wieder in Aktion. Diesem auf die Dauer unerträglichen und zum sicheren Zusammenbruch der UNO führenden Zustand will ein von Außenminister Acheson eingebrachter Antrag, der auf eine Verschiebung des entscheidenden Schwergewichts vom Sicherheitsrat auf die Vollversammlung hinausläuft, ein Ende bereiten. Es ist vorauszusehen, daß es bei den Beratungen über diesen Antrag zu schweren Auseinandersetzungen mit der Sowjetunion kommen wird. Nicht minder spannungsgeladen sind die Punkte der Tagesordnung, die die Unabhängigkeit Koreas, den Status von Formosa, die Palästina-Frage und die Atom-Kontrolle behandeln. Aber auch schon die Beratungen über die ehemaligen italienischen Kolonien, den Status des ehemaligen Mandatsgebietes Deutsch-Südwest Afrika, die Behandlung der indischen Bevölkerung in der Südafrikanischen Union, das Schicksal der deutschen und japanischen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion, das Verbot planmäßiger Störungen von Radiosendungen, das Verhältnis der UNO zu Spanien und die Zulassung neuer Mitglieder werden heftige Dispute auslösen. Im übrigen läuft außerdem die Amtszeit des Generalsekretärs der UNO, Trygve Lie, im Februar 1951 ab, sodaß die Generalversammlung auch noch für In einen Nachfolger finden muß.

Auf ihrer ersten Sitzung wählte die Generalversammlung ihren neuen Präsidenten, den iranischen Chef-Delegierten Nasrollah Entesamo. Der gewandte und aalglatte ehemalige Chef des Protokolls im Teheraner Außenministerium – "Don Vaselino" nannte man ihn damals in den diplomatischen Kreisen der persischen Hauptstadt – ist sicher der rechte Mann für diesen Platz. Der erste Tag seiner Präsidentenschaft begann mit einem Wetterleuchten, das einen herannahenden Gewittersturm anzukündigen scheint.

Ernst Krüger