Von Jan Molitor

Kurz vor acht Uhr ... Dem Grüpplein halbwüchsiger Jungen, die morgens aus dem Lager marschieren, schlägt der Hauch der nahen Ostsee entgegen. Der herbstliche Wind, feucht und kühl, freut sie nicht sehr. Denn die Ostsee, grauschwarz überwölkt, hat keine heiteren Farben mehr; die Badegäste sind gegangen. Nur noch die alteingesessenen Bauern und Bürger und die neueingesessenen Flüchtlingsfamilien leben im Dorf. Ja, und diese siebzehn Jungen, die jeden Morgen um acht Uhr ihre Arbeit auf dem Sportplatz beginnen. Sie führen den Spaten, wie einst die Jungen vom "Arbeitsdienst" ihn führten. Aber der Spaten verführt sie nicht zum "Präsentieren" und "Griffekloppen". Sie tragen den Spaten nicht, als trügen sie ein Gewehr. Wenn sie gemeinsam zur Arbeit ziehen, so ist es eigentlich auch kein Marschieren, ihre Wohnstatt ist auch kein Lager, sie sagen "Heim", aber dieser ihr Ausdruck ist wohl übertrieben. Gebe Gott, daß der Titel der ganzen Sache nicht übertrieben sei! "Jugendaufbauwerk"! –

Es hat letzthin genug Debatten darum gegeben, was mit der armen Jugend dieses unseres jungen armen Staates werden soll. Tausende und aber Tausende sind arbeitslos, bevor sie noch Gelegenheit hatten, zu arbeiten, ja bevor sie überhaupt die Möglichkeit erhielten, eine Arbeit zu erlernen. 50 000 ungelernte jugendliche Arbeitslose allein im Lande Schleswig-Holstein, 300 000 arbeitslose Jugendliche im Bundesgebiet. Wer wagt es, solche Zahlen gedankenlos in statistischen Archiven zu begraben? Ein Staatsmann, der dies täte, dürfte morgen die Jugend und übermorgen den Staat verloren haben! Denn eines ist sicher, und wir haben genug Beispiele dafür: Die radikalen Parteien links und rechts, die das demokratische Wort im Munde führen, um sich desto eher der Demokratie entledigen zu können, sie kümmern sich um die Jugend, weil sie sehr wohl wissen, daß die jugendlichen Arbeitslosen von heute die Radikalisten von morgen sind. Was also tun? Arbeitsdienst! – stets wenn in den Debatten die Ratlosigkeit am größten wird, stellt dieses Wort sich hilfreich ein. Arbeitsdienst –: den einen ein Ausweg aus der Not, ein notwendiges Übel vielleicht, aber eben dies vor allem: Not wendend, den anderen ein Schreckenswort, der Anfang vom Ende; allen aber eine heikle Erinnerung...

Auf dem Sportplatz des Ostseedorfes werkeln siebenzehn Spaten. Der Sportplatz war eine Fehlspekulation: Ehe er vollendet, war, ging das Geld aus. Da kamen die Jungen: die führen nun kostenlos zu Ende, was bezahlte Arbeiter begonnen hatten. "Noch tausend Quadratmeter Bodenbewegung..", sagt der Leiter der Gruppe, deren jüngstes Mitglied fünfzehn, deren ältester "Mann" achtzehn Jahre zählt. Die Arbeit drängt nicht. Wozu auch ein Sportplatz im Herbst! Um ein Uhr gehen die Jungen ins "Heim" und führen ihr eigenes Leben. Es ist – nehmt alles nur in allem – ein Lesen der Ordnung. Bis drei Uhr Mittagsruhe. Danach bis zur Dämmerung Unterricht in Elementarfächern. Oder Sport. Und nach dem Abendbrot, gemeinsame Unterhaltung, Lektüre, Gesang, Basteln. Um zehn Uhr erlischt das Licht. Und so alle Wochentage. Bis auf den Montag, an dem morgens um acht Uhr ein Berufsschullehrer aus Eutin erscheint, der bis vier Uhr bleibt und die Jungen systematisch unterrichtet. Ziel des Unterrichts? Ich hörte ein neues Wort. "Lehrstellenreife"...

Eine Zwischenfrage: In welchen Punkten ist diese Organisation, die heute rund ein Jahr besteht, dem einstigen "Arbeitsdienst" am meisten ähnlich? (Denn daß eine Ähnlichkeit vorhanden ist, steht außer Frage.) Da ist erstens die Tatsache, daß ein "Staat dahinter steht", in diesem Falle der Staat Schleswig-Holstein, der für jeden Jungen täglich einen Betrag von 2,60 DM ausgibt. 1,40 DM wird für die Verpflegung ausgegeben, 20 Pfennig für die Anschaffung der Geräte und Lehrmittel, 20 Pfennig für die Ausgestaltung des Heims, 20 Pfennig für die Arbeitskleidung; 40 Pfennig erhält der Junge täglich als Taschengeld, als Lohn für seine Arbeit, "als Sold", wie einer von ihnen im Timmendorfer Lager sagte ... Zweitens besteht die Ähnlichkeit darin, daß die Jungen vornehmlich für öffentliche Arbeiten beschäftigt sind. Drittens ist es die Größe der Organisation, die an den Arbeitsdienst denken läßt: 135 Heimstätten in Schleswig-Holstein, jeweils "belegt" mit rund 25 bis 35 "Mann". Gesamtzahl der Jungen etwa 4500 ... Das ist viel und ist doch wenig gegenüber der Zahl der 50 000 schleswig-holsteinischen jugendlichen Arbeitslosen, sehr wenig.

"Warum sind’s nicht mehr? Sperre? Stehen viele Freiwillige vor der Tür, die nicht aufgenommen werden könnten?" – "Nein", erwiderte der Heimleiter von Timmendorf, "das ist es nicht! Viele Jungen würden vielleicht zu uns finden, wenn sie nicht das Lagerleben fürchteten..."

Nachmittags sah ich das Lagerleben. Die Jungen bewegten sich frei und froh. Jetzt erinnerte nichts mehr an den Arbeitsdienst. Ihre Wünsche gingen im Augenblick dahin, einen Ping-Pong-Tisch zu bauen und ein – Radiogerät. Es herrschte eine sportliche Note, keine militärische. "Wir wollen die Ordnung", sagte der Heimleiter, "wir brauchen sie. Aber innerhalb. dieser Ordnung bemühen wir uns, daß jeder den anderen als einzelnen achten lernt. Die Gemeinschaft siegt nicht über die Individualität!"