Eine alte Tradition verlangt, daß der Direktor der New Yorker Metropolitan Opera sich jedes Jahr einmal persönlich nach Italien begibt, um dort das Beste, was die klassische Heimat des großen Operngesanges an Nachwuchs zu bieten hat, für die neue Spielzeit, zu verpflichten. Es versteht sich von selbst, daß Soprane und Altistinnen, daß Tenöre, Baritone und Bässe von Mailand bis Palermo diesem Besuch des amerikanischen Operngewaltigen mit hochgespannten Erwartungen entgegensehen und schon lange Monate vorher von fabelhaften Kontrakten und vierteiligen Dollarschecks träumen.

Der neue Direktor der "Met", Rudolph Bing, hat in diesem Jahr die übliche Italienreise gleichfalls absolviert und gewissenhaft alle Theater besucht, auf denen neue Gesangskräfte zu hören waren: Aber sein Scheckbuch blieb unbenutzt: Er reiste wieder ab, ohne einen einzigen Kontrakt abgeschlossen zu haben, und bei seinem Abschied erklärte er rundheraus, die Zeit scheine vorbei, da Amerika auf italienische und überhaupt europäische Sänger angewiesen war.

Man kann sich denken, daß diese wenig schmeichelhafte Feststellung gerade in Italien, der traditionellen Heimat des Belcanto, sehr unliebsames Aufsehen erregte. Es hat denn auch nicht an mehr oder minder heftigem Widerspruch, insbesondere aus den Kreisen der als unübertrefflich geltenden italienischen Schulen des Operngesanges, gefehlt, aber es haben sich doch auch hier kritische Stimmen erhoben.

"Der Belcanto ist in Italien im Aussterben" – zu diesem Schluß kommt ein Mitarbeiter einer großen römischen Wochenschrift auf Grund einer Umfrage bei verschiedenen maßgebenden Stellen. Der Grund hierfür liegt nach Ansicht der Gesangspädagogen nicht etwa darin, daß die schönen Stimmen in Italien plötzlich rar geworden wären; wohl aber ist die Ausbildung in den meisten Fällen unzulänglich. Statt die erforderliche Anzahl von Jahren ausschließlich der technischen Schulung zu widmen, muten sich die Sänger heute voreilig zu große Aufgaben zu. So erklärte ein erst kürzlich von der Bühne abgetretener und jetzt als Gesangspädagoge tätiger römischer Opernsänger, seine eigene Stimme sei auch heute, nach vierzigjähriger Bühnentätigkeit, technisch noch immer ebenso sicher wie zu Beginn, während den jetzigen Sängern schon nach zwei Jahren Theater deutliche Zeichen der Überanstrengung anzumerken seien. "Zu meiner Zeit", meinte er sarkastisch, "fing ein Sänger in Gorgonzola an und endete an der Mailänder Scala, wenn er wirklich singen gelernt hatte. Heute fängt man an der Scala an und endet ein paar Jahre später in Gorgonzola."

Was die jungen Sänger und Sängerinnen dazu verführt, nach viel zu kurzer Studienzeit den Sprung auf die Bühne zu wagen, ist in erster Linie der Drang, so rasch wie möglich Geld zu verdienen. Es ist ja heute schwieriger geworden denn je, eine lange Studienzeit materiell durchzuhalten, und auch die Mäzene sind weitgehend ausgestorben. Die Operntheater wiederum sind genötigt, alle halbwegs brauchbaren jungen Sänger und Sängerinnen zu engagieren, weil mit der Verlängerung der Spielzeiten der Bedarf an Sängern bedeutend gewachsen ist. Noch in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts dauerte die normale Stagione nur zwei Monate im Jahr, während heute allenthalben fast das ganze Jahr durchgespielt wird; haben sich doch sogar in den heißen Sommermonaten vielfach Freilicht-Opernaufführungen eingebürgert. Gerade die vielversprechenden unter den jungen Sängern, die sich bereits einen Namen gemacht haben, werden daher mit Angeboten überhäuft und können nur selten der Lockung widerstehen, möglichst viele Spielhonorare von 200 000 Lire pro Abend und mehr einzukassieren. Sie gönnen ihren Stimmen viel’zu wenig Ruhe und sind sozusagen pausenlos zwischen Rom und Palermo, Mailand und Neapel, Modena und Bari unterwegs. So kommt es, daß ein moderner italienischer Opernstar in einem Jahr häufiger auf der Bühne steht, als einer seiner Kollegen aus früheren Zeiten in zehn Jahren.

Dieser ständigen Überbeanspruchung aber sind nur wenige Stimmen auf die Dauer gewachsen, und so sind an die Stelle der großen Sänger von einst, die sich jahrzehntelang auf den größten Bühnen der Welt zu behaupten wußten, vielfach Eintagsberühmuheiten getreten, die nach kurzer Zeit des Glanzes plötzlich "erledigt" sind.

Percy Eckstein