Die Diplomatie unserer Tage hat seltsame Formen angenommen. Es ist zur Gewohnheit geworden, offizielle Protestnoten durch Portiers oder Radfahrer überreichen zu lassen, Angehörige des Diplomatischen Dienstes zu verhaften, und, wenn diese Entwicklung weitere Fortschritte macht, werden die Außenminister der Großmächte in Zukunft wahrscheinlich vor jeder Konferenz nach Atombomben en miniature durchsucht werden. Weit jedenfalls ist es von einer völligen Auflösung der diplomatischen lormen nicht mehr entfernt.

Das östliche Debüt auf der diesjährigen UNO-Vollversammlung in Lake Success war eine Rede Wyschinskis, in der er eine Reihe von Personen aufzählte, darunter MacArthur, Churchill und General Bradley, die seine Regierung als "Kriegsverbrecher" betrachtet. Nun: "die Nürnberger Hängen keinen, sie hätten ihn denn zuvor". Aber daß sie es dann auch wirklich und gründlich tun, darüber haben die "Nürnberger" wahrlich keinen Zweifel gelassen.

Einen Tag nach dieser hoffnungverheißenden Rede des sowjetischen Außenministers lud der Gouverneur von New York, Thomas Dewey, die Delegierten der Vereinten Nationen im Namen seiner Stadt zu einem Bankett ins Waldorf Astoria. Lud sie ein und sprach: "Man kann die harte Tatsache nicht übersehen, daß kein Mensch in der Welt in Ruhe schlafen kann, solange die Sowjetunion 10 bis 15 Millionen Menschen unter Bedingungen in Sklavenarbeit hält, die einer fortwährenden Tortur bis zum Tode gleichkommen." Darob erhob sich Wyschinski, sah sich stumm im Saale um und schritt, seine Delegation im Schlepptau, dem Ausgang zu. Dewey indes erntete lebhaften Beifall und fügte seiner, so viel Anklang findenden Rede hinzu: "Ich muß sagen, ich fühle mich sehr geehrt durch den Abzug dieser Leute, die die Zerstörung der Welt planen."

Wahrlich, man könnte kaum taktloser sein. Intweder man meidet den Umgang mit "Kriegsverbrechern" und "Weltzerstörern". Nun gut. Oder aber man setzt sich mit ihnen an einen runden Tisch und lädt sie zum Diner. Dann sollte man sich aber auch entsprechend benehmen. Man nimmt es doch sonst nicht so ernst mit der Wahrheit in der hohen Politik. Warum sie gerade dann aussprechen, wenn sie am wenigsten angebracht ist? C. J.