Pietät und Wahrhaftigkeit begegnen sich nur selten an einer Bahre, und es gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen gesellschaftlichen Anstands, schweigend zuzuhören, wenn die rhetorische Kunst des Trauerredners mit freundlicher Geschicklichkeit ein Porträt entwirft, in dem der Verblichene sich nach seiner Auferstehung im Fleische kaum wiedererkennen dürfte. Anders freilich verhält sich die Sache, wenn diese Glorifizierung auf Kosten Überlebender geschieht. Und wenn gar Nachrufe dazu benutzt werden, um unter der Tarnkappe der Pietät versteckte Angriffe zu lancieren, dann hilft nichts: die Wahrheit muß heraus.

Als Elisabeth Langgässer vor ein paar Wochen starb, war die deutsche Presse voll von ihrem Ruhm. Man mag von den überschwenglichen Superlativen, die damals gebraucht wurden, getrost einige auf das Konto Pietät abschreiben; sicher ist, daß mit der Langgässer eine der stärksten lyrischen Begabungen im heutigen Deutschland dahinging und zugleich eine epische Gestalterin von durchaus originaler, wenn auch für manchen Geschmack allzu eigenwilliger Prägung.

Soweit gut! Anders freilich wird auch hier die Sache, wenn etwa Oda Schäfer in einem offenen Brief an die tote Freundin den Grabhügel zur Tribüne macht und wörtlich schreibt: ... "ich versuchte, Dich, Elisabeth, mit interessierten Verlegern zusammenzubringen, um Dir das monatliche Fixum zu besorgen, das Du brauchtest – es war nicht viel. Du aber hieltest Deinem Verlag die Treue und halfst Dir mit einem Stipendium der Mainzer Akademie ..." Und wenn dann ein Teil der übrigen Presse, in diese Mollakkorde einfallend, das traurige Los einer deutschen Dichterin beharft, die "in Not verkam", der man einen ihr zukommenden "Literaturpreis vorenthielt", und an deren Grabe kein Vertreter des offiziellen Deutschlands erschien, da "Bonn Urlaub hatte und umbaute" und der zunächst zuständige Kultusminister von Rheinland-Pfalz "anderweitig beschäftigt war", dann wird es für den Wissenden zur Pflicht, zu reden.

Die Wahrheit aber ist: Elisabeth Langgässer hat von ihrem Verlag in den zwei Jahren von der Währungsreform bis zum 1. Juli 1950 rund 20 000 D-Mark an Tantiemen bezogen. Dr. Eugen Claassen, ihr Verleger, hat diese Zahlen durch Nachprüfung eines Buchsachverständigen erhärten lassen, und er bemerkt dazu, daß in dieser Summe die Einnahmen aus Dichterlesungen, Rundfunkgesprächen und Artikelhonoraren der sehr rührigen Autorin nicht einbegriffen sind.

Fast noch unberechtigter aber muß dem Eingeweihten der Angriff auf das Kultusministerium Rheinland-Pfalz erscheinen. Denn wenn irgendwo an verantwortlicher Stelle in Deutschland, dann haben sich in dieser kleinen Behörde eines der ärmsten Bundesländer Menschen zusammengefunden, die ihre Pflicht gegenüber den schaffenden Künstlern in einem Maße Ernst nahmen, das als vorbildlich gelten kann. So hat sich im Fall Langgässer die amtliche Fürsorge nicht in dem auch von Oda Schäfer erwähnten, nicht geringfügigen Stipendium der Mainzer Akademie erschöpft, sondern darüber hinaus hat sich eben dies Kultusministerium tatkräftig dafür eingesetzt, daß "die weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannte Schriftstellerin" im Frühjahr dieses Jahres ein staatliches Wohnungsbau-Darlehen erhielt. Man hat ihre Gedichte in die Lesebücher aufgenommen, und auch den erwähnten Literaturpreis hat man ihr keineswegs "vorenthalten", sondern sie ausdrücklich aufgefordert, ihre Arbeiten zu einem Wettbewerb rheinpfälzischen Schriftsteller einzureichen. Sie hat das ablehnen lassen durch ein Schreiben ihres Mannes (der Professor an der Dolmetscher-Hochschule ist) mit der Begründung, "es sei nicht üblich, daß Schriftsteller von erkannter Publizität noch an Wettbewerben teilnehmen ..."

Das alles klingt nicht gerade nach einer in Not verkommenen deutschen Dichterin, und, bei Lichte betrachtet, bleibt von den Beschwerden der Nekrologe nur die eine, allerdings unbestreitbare Tatsache übrig, daß kein Vertreter des rheinpfälzischen Kultusministeriums oder einer sonstigen Behörde zur Beisetzung in Darmstadt erschien. Nun – auch hierfür gibt es triftige Entschuldigungsgründe. Die Beisetzung ist in aller Stille erfolgt, und wenn Elisabeth Langgässers Mann an das Kultusministerium schreibt: "Meine Frau liebte die Öffentlichkeit nicht und floh vor ihr. So gehört es auch zu ihrem Tode, daß die Post niemandem die Nachricht von der Beisetzung bringen konnte" – dann dürfen wir getrost dem Kultusminister Süsterhenn seine Feststellung glauben, daß er weder rechtzeitig Nachricht vom Tode Elisabeth Langgässers noch eine Einladung zur Trauerfeier erhalten hat und demzufolge nicht wissen konnte, ob eine behördliche Teilnahme überhaupt erwünscht sei.

Man könnte, ohne auf weitere Einzelheiten der peinlichen Kontroverse einzugehen, mit diesen Feststellungen schließen, wenn nicht der Eindruck bliebe, daß hier, bildlich ausgedrückt, echte Tränen an einem falschen Grab geweint worden sind. Denn die Not des deutschen Schrifttums ist leider eine nur zu bekannte Tatsache, und die Bereitschaft offizieller Stellen, bei der schöpferischen Urproduktion Geburtshilfe zu leisten, ist im allgemeinen bedauerlich gering entwickelt.

Wie wäre es daher, wenn man im Bundesgebiet eine Stelle schüfe, wo Autoren in der Entstehung begriffene Werke einreichen könnten, die sie allein finanziell nicht durchzutragen vermögen – und von wo sie dann, eventuell im Wege des Darlehens, die Mittel erhielten, um wenigstens für die Dauer dieser einen Arbeit materiell gesichert zu sein? Man finanziert aus öffentlichen Mitteln den Bau von Häusern, den Bau von Theatern, Museen und ähnliches mehr, warum sollte der Staat nicht auch einmal den Bau einer Dichtung finanzieren, zumal auch hier der privatkapitalistische Verleger selbst beim besten Willen meist nicht mehr in der Lage ist, die länger dauernde Bevorschussung einer künstlerischen Arbeit zu tragen? Man könnte durch scharfe Auslese das an sich schon relativ geringe Risiko solcher Investitionen auf ein Mindestmaß beschränken – und man sollte, um dem Streit am Grabe einer Dichterin ein würdiges Ende zu bereiten, das Unternehmen "Elisabeth – Langgässer – Stiftung" nennen. P. W.