"So kleine Päckskes und dafür so’ne jroße Fabrik!"

Im nächsten Jahre, 1951 also, können ein Werk und eine Idee gemeinsam 75jähriges Jubiläum feiern: 1876 wurde nämlich von der Firma Henkel, die sich in Aachen niedergelassen hatte (zwei Jahre später erfolgte dann die Übersiedlung nach Düsseldorf), unter der Bezeichnung "Henko-Bleich-Soda" der erste typische Markenartikel herausgebracht: in gleichartiger, fester Verpackung, mit einem für das ganze Vertriebsgebiet gültigen, für die Dauer beibehaltenen ••ssten Preis, und – was das Wichtigste ist – in immer gleichbleibender, durch Marke und Namen des Herstellers verbürgter Qualität. Zum Begriff des echten Markenartikels, der also damals erst geprägt wurde, gehört ferner, daß der Vertrieb durch den fachkundigen ortsansässigen Einzelhandel erfolgt – also nicht in eigener Regie, etwa über ein Netz von Filialen oder über (möglicherweise als solche nicht erkennbare, also "getarnte") Vertreter-Firmen. Dieses Prinzip, das in ähnlicher Form bereits vorher im Buchhandel, zwischen den Partnern Verlag und Sortiment, üblich war, hat sich seither auf dem Gebiet der Haushaltsware, der Lebens- und Genußmittel und weit darüber hinaus zu breitester Anwendung und größter wirtschaftlicher Bedeutung entwickelt. Dabei ist die führende Rolle der Firma Henkel unter den Markenartikel-Herstellern immer, bis auf den heutigen Tag, erhaltengeblieben. Sie war nie umstritten, weil dies Unternehmen stets am Qualitätsprinzip festgehalten hat, mit dem die "Geltung" eines Markenartikels beim Einzelhandel und bei der Kundschaft steht und fällt. Ein sinnfälliges Beispiel dafür bietet die Marke Persil, die Henkel 1907 (nach Henko – Henkels Bleich-Soda) herausgebracht hat.

Als während des ersten Weltkrieges die hierfür verwandten hochwertigen natürlichen Öle und Fette als Rohstoffe fehlten, schaltete Henkel auf die Marke "Kriegs-Persil" um; erst 1920 kam wieder das "friedensmäßige" Originalerzeugnis in den Handel. Nach diesem Kriege, mit dessen Ausbruch alle Marken-Waschmittel sofort verschwanden, um durch das "Einheits-Waschpulver" mit einem zunächst ungenügenden Fett-(Seife-)Gehalt (später ganz ohne einen solchen) ersetzt zu werden, hat die Rückkehr zur Friedensqualität noch länger gedauert. Die Aufhebung der Zwangsbewirtschaftung ermöglichte 1948 zwar gewisse Qualitätsbesserungen. So konnte Henkel Ende 1948 mit einem neuen Erzeugnis aufwarten, nämlich mit Last, das (ebenso wie schon vorher Henko und Sil) einen modernen Faserschutz enthält und ein zeitgemäßes Maximum an Pflege und Schonung der Wäsche ermöglichte.

Als Folge der Belebung und Liberalisierung des Außenhandels ist es nun möglich, die natürlichen Rohstoffe für die Herstellung von Persil "in Friedensqualität" in hinreichender Menge und Güte zu beschaffen. Jetzt erst, zum 1. September, glaubte es die Firma Henkel verantworten zu können, "den guten Namen, durch vierzig Jahre lang so treu bewahrt", wieder auf ihren Packungen erscheinen zu lassen, um nun ihr bekanntestes Erzeugnis, wiederum durch Einarbeitung des Faserschutzes qualitätsmäßig verbessert, den Hausfrauen anzubieten. Zugleich mit der erneuerten alten Marke – die man also nicht dadurch hat entwerten lassen, daß man sie einem zeitbedingten Ersatzprodukt mit auf den Weg gab –, wird an die Kundschaft, mit altbewährten Methoden, die propagandistische Aufklärung über die "richtige" Verwendung des Waschmittels herangetragen. Da handelt es sich also um die "Persil-Methode", mit dem Einweichen am Vortag, dem Kochen und dem Nachspülen der Wäsche sowie um das Enthärten der Waschlauge (falls kein Regenwasser dafür benutzt wird) durch Beigabe von Henko-Bleichsoda, damit die Bildung von Kalkseife und damit der Verlust von Seifensubstanz verhindert werden kann (eine Gewichtseinheit Kalk, im Wasser gelöst, vernichtet nämlich sechzehn Einheiten Seife). Um diese Erkenntnis den Hausfrauen nahezubringen, ist seinerzeit unter dem Stichwort "Seife vor Verlust bewahren!" eine Werbeaktion von Henkel veranstaltet worden: in einer Art von Kundendienst, der alle Anerkennung verdient.

Hinter der Aufklärungsarbeit der Henkel-Werke, die sich stets intensiv um ihre Abnehmerschaft bemüht und die nun speziell die inzwischen herangewachsene jüngere Hausfrauengeneration von behelfsmäßigen Waschmethoden auf einen "friedensmäßigen" Waschvorgang gleichsam umzuschulen haben, stehen die Kräfte eines Unternehmens von wirklicher Weltgeltung, steht insbesondere auch die vom Gründer auf den Sohn und nun auf den Enkel übertragene Familientradition. Das gilt nicht nur für die Familie Henkel selbst, sondern auch für die 4000 Köpfe zählende Belegschaft, hier nämlich für einen Stamm echter Mitarbeiter, der heute in sehr vielen Fällen schon, ebenso wie die Gründer-Familie, mit Vertretern der zweiten und dritten Generation seinen Platz im Werke ausfüllt. Daß für die "kleinen Päckskes", wie eine rheinische Hausfrau bei einer Werksbesichtigung erstaunt feststellte, "so’ne jroße Fabrik" nötig sei, ist nur die eine Seite des Sachverhalts. Denn es gilt ja auch umgekehrt, daß "die kleinen Päckskes" – oder vielmehr die unternehmerischen Ideen, die ihre Herstellung und ihren Absatz vorantrieben – erst die Schaffung des großen Werkes ermöglicht haben ... C. A.