Mannheim, im September

Selbst ein Amsterdamer Armenlogis kann zu einem Inselparadies werden, zum Traumland aller. unerfüllten Wünsche, Ein skurriler alter Herr kommt da eines Tages in diese dumpfe Szenerie aus Erbärmlichkeit und Heuchelei, entführt die Menschen auf ein Traumschiff und zaubert ihnen aus umgestürzten Wirtshaustischen, aus buntem Wachstuch und einer kümmerlichen Zimmerpalme ein "unbewohntes Eiland" vor: das Land der Sehnsucht. Doch gerade in dieser irrealen Atmosphäre wird die Wahrheit entdeckt. Die Masken des Alltags fallen von den Gesichtern, die falschen Diamanten der "wirklichen" Scheinwelt werden zu Staub zertreten und die echten, unbeachtet in der Scheinwelt des Alltags, im Reich der Phantasie und der Wirklichkeit in ihrem vollen Werte erkannt.

Diese märchenhafte Umwertung der Elemente der Wirklichkeit ist es, die dem Stück seinen Reiz gibt. Im Märchenland erst lassen die Menschen von der Verstellung und werden die Hemmungen los, enthüllen sich brutal ihre Lügen, die Selbstsucht und die Niedertracht, bis einer angeekelt die Kulissen der Traumwelt umstürzt.

Und im klaren Licht des alltäglichen Lebens sieht alles wieder versöhnlicher, menschlicher aus. Die kleinen Dinge gewinnen ihre Bedeutung zurück, die redliche Schönheit des Alltags, in dem das Herz sich bewährt und vor dem allein die Liebe und die Arbeit bestehen.

Das hat der Amsterdamer Intendant August Defresne in seinem Schauspiel Das unbewohnte Eiland mit sicherer Bühnenroutine, mit lächelnder Lebensweisheit zu sagen gewußt. Ein liebenswertes, besinnliches und nur zuletzt etwas allzu rührselig moralisierendes Stück, das bei der westdeutschen Erstaufführung am Nationaltheater Mannheim (Regie: Helmuth von Scheven) auch das Publikum bezaubert zu haben scheint.

Ulrich Seelmann-Eggebert