Von Walter Fredericia

Es ist eine der Merkwürdigkeiten der deutschen Geistesgeschichte, daß Arthur Schopenhauer, dieser klarste unserer Philosophen, sich zu seinen Lebzeiten fast überhaupt nicht, in den darauffolgenden neun Jahrzehnten nur langsam und unvollkommen durchsetzen konnte; auch heute noch erscheint auf den Mienen mancher Fachleute bei der Nennung seines Namens ein überlegenes Lächeln: ungeachtet seiner mächtigen Wirkung auf einige bedeutende Geister wie Richard Wagner, Nietzsche, Strindberg, Wilhelm Raabe (auch der vielfach als harmloser Spaßmacher verkannte Wilhelm Busch wäre hier zu nennen), ist Schopenhauer unter den Königen und Ministern der Philosophie niemals recht hoffähig geworden. Dafür lassen sich mancherlei Gründe auffinden. Ein wesentlicher, weniger bei den Fachleuten als beim breiten Publikum gültiger, mag sein Pessimismus sein. Der durchschnittliche Mensch hält Pessimismus für ungesund, er wird schon nervös, wenn er nur das Wort hört, um so mehr, als er für Optimismus, den er wie Coué gebrauchen möchte, rundum wenig Argumente findet. Aus diesem Primitivismus heraus glaubt er in einem Winkel seiner Seele, seine Geschäfte könnten schlechter gehen, wenn er sich einer pessimistischen Philosophie hingäbe. Indessen behauptet der Schopenhauersche Pessimismus nicht, daß die Geschäfte schlecht gehen müßten, sondern daß die Welt, so wie sie ist, keineswegs "die beste aller Welten" ist (Leibniz), sondern daß Leid, und Unrecht, nicht aber Glück und Recht das Positive im Leben des Menschen sind. Die Beweise, die Schopenhauer dafür beigebracht hat, sind in den neunzig Jahren seit seinem Tode weder durch die Philosophie noch gar durch die Erfahrung erschüttert worden.

Ein anderer Grund dafür, daß Schopenhauer sich so schwer durchsetzen konnte, mag in seiner allerdings grenzenlosen Aggressivität gegen die Philosophie-Professoren gelegen haben. Ihm war in der Tat kein Wort zu scharf oder zu suspekt, um es gegen seine philosophischen Widersacher anzuwenden, wobei ihm jeder Widersacher war, der eine andere Meinung hatte als er; ja, er ging alsbald dazu über, anstatt einzelner Philosophen die Philosophie-Professoren gewissermaßen als Gilde zu attackieren und der geistigen Korruption zu beschuldigen (weil sie nach seiner Auffassung nicht nach Wahrheit, sondern nach Argumenten für die von dem jeweiligen Kultusminister favorisierten Denksysteme suchten). Da sich aber ein philosophisches System in erster Linie dadurch verbreitet und durchsetzt, daß es an den Universitäten seinem Range gemäß behandelt wird, konnte es nicht ohne Wirkung bleiben, daß Schopenhauer sich gerade mit denen verfeindete, die seiner Theorie hätten zum Durchbruch verhelfen können: noch im hohen Alter beklagte er sich darüber, daß man ihn "totgeschwiegen" habe. Wenn dies für die Folgezeit auch nicht buchstäblich und nicht allgemein zutrifft, so steht doch fest, daß die Philosophie sich seither in einer ganz anderen Richtung entwickelte; womit freilich gegen den Erkenntniswert der Schopenhauer sehen nichts bewiesen ist.

Mehr noch als all das hat ihm aber höchstwahrscheinlich ein anderes geschadet. Nämlich die unerschütterliche Konsequenz, mit der er den Standpunkt vertrat – den seine Werke von Anfang bis Ende widerspiegeln – daß, was klar gedacht ist, auch klar und daher verständlich ausgedrückt werden kann. Daraus hat er umgekehrt und jedenfalls zwingend geschlossen, daß Menschen (und auch Philosophen), die sich unklar und mit Hilfe ungewöhnlicher und verschrobener Worte, denen keine Anschauung und feine Erfahrung zugrunde liegt, ausdrücken, nicht klar durchdacht haben können, was sie sagen: ja, daß sie gerade den Mangel an klaren Gedanken durch einen Wortschwall – "Wischi-Waschi" – zu verdecken und den Leser zu düpieren suchen. Diese Feststellung, der schwerlich im Ernst widersprachen werden kann – weil der Mensch in Worten denkt, und zwar nicht in neuerfundenen, sondern zunächst einmal in denen des normalen Wortschatzes, das Gedachte daher auch in den Worten des normalen Wortschatzes ausdrückbar sein muß (wenn etwas gedacht worden ist) – war eine furchtbare Anklage. Diesmal gewiß nicht nur gegen manche Philosophen, die, auch heute wieder, behaupten, es bedürfe gewissermaßen einer gänzlich neuen Sprache, um ihre neuen Gedanken auszudrücken – sondern auch gegen das breite Publikum, das an Unklarheiten Gefallen fand und findet: es läßt sich mit Vergütigen von Formulierungen düpieren, die es eben deshalb für gescheit hält, weil es sie nicht versieht. Ja, es könnte geradezu eine Anklage gegen en ganzes Volk sein, das viel Neigung hat, Intuition an die Stelle der Analyse zu setzen und an der Grenze des Mystischen zu spekulieren – und zu handeln. So wird die weitgehende Ablehnung, die Schopenhauer durch lange Jahrzehnte gefunden hat, ja, so wird das Lächeln auf den Mienen der Fachleute, von dem vorhin die Rede war, gleichzeitig zu einem Meßgerät, mit dem man die Sympathie für klares Denken – oder die Antipathie dagegen feststellen kann. Es ist interessant, sich zu überlegen, wie anders die Entwicklung hätte vielleicht verlaufen können, wenn sich die Forderung Schopenhauers nach Klarheit im Denken und Schreiben im letzten Jahrhundert im geistigen und im politischen Leben Deutschlands voll durchgesetzt hätte.

Gewiß – Schopenhauer wäre ohne Kant nicht geworden, was er ist. In einem gewissen Sinne aber auch Kant nicht ohne Schopenhauer. Kant hatte den großen Einfall, das aperfu, die Bedingtheit der Außenwelt durch das Subjekt, durch den Menschen, der sie anschaut, zu erkennen und nachzuweisen. Aber Schopenhauer war es, der das Kantsche Gold von der Schlacke trennte und zum höchsten Glanze brachte. Er tat es nicht nur durch die Ausmerzung der Irrtümer, sondern vor allem dadurch, daß er der Erfahrung, der inneren wie der äußeren, die im Kant’schen Kritizismus weitaus zu kurz gekommen war, wieder ihren Platz als der eigentlichen Quelle aller Erkenntnis einräumte. Schopenhauer glaubte im Willen das metaphysische Substrat des Kant’ schen "Dinges an sich" gefunden zu haben, im Willen, der sich auf verschiedenen Stufen, als Materie in der niedrigsten, als menschliches Lebewesen in der höchsten, "objektiviert", das heißt als Objekt angeschaut und erkannt wird. Daher ist bei Schopenhauer die Materie "Wille und nichts als Wille". Man weiß heute, daß sie bei modernen Physikern "Energie und nichts als Energie" ist. Da Wille und Energie der Wortbedeutung im Leben noch ganz nahe beisammen liegen, denn beide besagen zuletzt Drang zur Wirkung, liegt die Feststellung nahe, daß die Schopenhauersche Metaphysik gerade an der Grenze, welche die Physik von der Metaphysik trennt, eine erstaunliche Vereinbarlichkeit mit den Folgerungen aus der modernsten Naturwissenschaft zeigt. Schopenhauer, und darin war er keineswegs "pessimistisch", hat immer an die Möglichkeit einer solchen Bestätigung seiner Philosophie geglaubt. In der Einleitung zum "Willen in der Natur" sagt er darüber: "Meine Metaphysik bewährt sich dadurch als die einzige, welche wirklich einen gemeinsamen Grenzpunkt mit den physischen Wissenschaften hat, einen Punkt, bis zu welchem diese aus eigenen Mitteln ihr entgegenkommen, so daß sie wirklich sich an sie schließen und mit ihr übereinstimmen ... Daher schwebt mein System nicht... in der Luft..., sondern geht herab bis zu diesem festen Boden der Wirklichkeit, wo die physischen Wissenschaften den Lernenden wieder aufnehmen ..." Somit hätte die Unzulässigkeit einer materialistischen Philosophie damals (1835) schon eingesehen werden können, mitsamt der von Schopenhauer erwarteten Bestätigung durch die Physik. Wieso sich der Materialismus als Weltanschauung heute noch halten kann, nachdem die Physiker sich dieser Bestätigung genähert haben, indem sie das Baumaterial des Materialismus, nämlich die Materie, als eine Form der Energie erkannt haben, ist schwer einzusehen: seither könnte man sogut wie eine materialistische eine elektrische oder eine kalorische Weltanschauung haben,

Schopenhauer hat seine Metaphysik (Die Welt als Wille und Vorstellung, Die Vierfache Wurzel des Satzes vom Grunde), ebenso seine Ethik, seine Ästhetik und seine zahlreichen kleineren Schriften nicht nur mit einer unübertrefflichen Klarheit geschrieben, die ihm den Ruf des besten Stilisten der deutschen Philosophie bis zum heutigen Tage einbrachte, sondern er hat zeitlebens eine rücksichtslose Wahrhaftigkeit geübt, wie sie nicht nur in der philosophischen Literatur selten ist. Freilich, er konnte sich das leisten, denn er war von Hause aus vermögend und von keinem Professorengehalt und von keinem Kultusminister abhängig. Die Bedeutung dieser Unabhängigkeit für sein Werk kannte er genau, und er verteidigte sie jederzeit mit dem Geist und dem Temperament, die seine Leser an ihm so lieben. Als ein Kaufhaus, bei dem er Geld auf Zinsen liegen hatte, infolge der napoleonischen Kriegswirren zur Zahlungseinstellung genötigt, von Schopenhauer die Zustimmung zu einem Vergleich verlangte, lehnte er ab und schrieb: "... Sie werden sagen, daß, wenn jeder so dächte wie ich, überhaupt keiner der Gläubiger etwas erhalten würde. Ich aber sage Ihnen: Wenn jeder so dächte wie ich, dann würde überhaupt mehr gedacht und es gäbe weder Kriege noch Konkurse." Schopenhauer bekam sein Geld, es handelte sich um einen wesentlichen Teil seines Vermögens, und lebte bis zu seinem Tode davon. Von den Honoraren seines Verlegers hätte er nicht leben können. Der hat an der "Welt als Wille und Vorstellung" erst verdient, als Schopenhauer schon längst tot war.