Im Münchner "Haus der Kunst" wurde die langerwartete Kokoschka-Ausstellung kürzlich eröffnet. Seit der unvergeßlichen Ausstellung in Mannheim von 1931 ist das wieder die erste große Bilderschau Kokoschkas in Deutschland. Sie zeigt 85 Bilder und 150 Graphiken.

Oskar Kokoschka ist erst vierundsechzig Jahre alt. Das ist unglaublich, wenn man bedenkt, daß seine Kunst bereits seit vier Jahrzehnten höchsten Rang in der Malerei unseres Jahrhunderts einnimmt. Oh, wir erinnern uns, damals, als wir als Gymnasiasten die Angeln suchten, aus denen sich die Welt heben ließ, da schon flog unsere junge Begeisterung seinen Bildern zu, ihrem großen Pathos, ihrem gewaltsamen Genie. Eine tolle Legende lag um dieses Leben: – das frühe Genie, das schon mit dreiundzwanzig Jahren das morbide Klima des Wiener Jugendstils revolutionierte; dann die wilde Zeit beim Berliner "Sturm" mit Herwarth Walden, als die Flutwelle des Expressionismus über die Deiche trat; Krieg, Verwundung und dann 1920 die Professur in Dresden, und wie er da eines schönen Tages 1924 spurlos, ohne Abschied, unauffindbar einfach verschwand, durch ganz Europa trieb bis nach Nordafrika und Palästina und seine Bilder wie die Postkarten aus allen Ländern schickte. 1931 hörte man, er sei in Wien. 1934 war es Prag. Dann wurde daraus London – 1938, als die Nazis einen Fangpreis auf den "kulturbolsche wistischen" Maler setzten. So trieb dieses Leben ihm in Unrast, jeder Nervenregung ausgeliefert, ein trunkenes Schiff im Wellenschlag einer halluzinierten Sensibilität.

So die Legende! Sie erzählt von einer Menschlichkeit, die sich eigentümlich mischt aus hoher dichterischer Kraft und Abenteuer, Ekstase und Eleganz, Trance und Charme. Schreitet man die vielen Bildnisse in der Ausstellung ab, so scheint da eine ganze persönliche Wirklichkeit hinter dieser Legende zu stehen. Selbst immer in größter seelischer Anspannung lebend, dem Visionären in seiner gefährlichsten Form ständig ausgesetzt, registriert da ein ruheloser Mensch die Regungen moderner menschlicher Existenz in unglaublicher Prägnanz. Die Reihe dieser Bildnisse würde hinreichen, die seelische Geschichte der Jahrzehnte um den ersten Weltkrieg aufzudecken. Es ist ein ganz neues, fast krankhaftes Psychologisieren, das diese Bildnisse von allen vorangehenden unterscheidet. Hier geht es nicht um Repräsentation und "Ähnlichkeit", es geht um die Schilderung der nervlichen Existenz. Dieses Nervöse wird ausgedrückt in einer springenden, zuckenden Niederschrift. Aus langer Auseinandersetzung mit dem Gegenüber ergibt sich plötzlich die Vision, und die wird mit rasender Energie niedergeschrieben. Kokoschkas visionäre Begabung ist ganz außerordentlich, sie reicht weit ins Mediale. Sie muß sich handelnd ausdrücken und tut das mit den Mitteln der Malerei, manchmal aber auch mit den Mitteln der Dichtung. So kann es wohl geschehen, daß im Eifer der Niederschrift der Vision die angewandten Formmittel sich nicht in dieser wohlbestallten Ordnung lagern, die seit Cézanne als Kennzeichen des "realisierten Bildes" gilt. Kokoschka geht es aber auch gar nicht darum, das Bild als selbständiges Formwesen zu "realisieren". Malen ist ihm ein Verfahren, seine Mitteilung eines optischen Erlebnisses in der Zwischendimension des Halluzinierten auszudrücken. Er ist ein Mensch, der im Akt des Malens das Bewußtsein ganz ausschaltet; das Bild ereignet sich an ihm.

Das Lebenswerk dieses Künstlers zeichnet die Ausstellung genau und breit nach. Sie beginnt mit den frühen Wiener Bildern, darunter das berühmte "Hammelstilleben" von 1909 und die genialen frühen Porträts, führt dann zum expressionistischen Pathos der "Windsbraut" von 1914, reicht von hier zu den züngelnden, von van Gogh beeinflußten Bildern der Jahre um 1918, zeigt dann die vom frühen Cézanne her verfestigten derbformigen Farbfleckenbilder der Dresdener Jahre und klingt durch die Reihe der berühmten Landschaften hindurch in den hellbunten kosmopolitischen Impressionismus der letzten Jahre aus. Viel Freude liegt darin, die alten befreundeten Bilder wiederzuerkennen und in ihnen unsere frühen Begeisterungen. Und daraus kommt uns die feste Bereitschaft, Kokoschka unter den wichtigen Dingen unseres Lebens zu behalten.

Denn die Bilder der letzten Jahre sind auf erhebliche Kritik gestoßen. Nicht zu Unrecht! Da vollen sich oftmals die irrenden Hände nicht zusammenfügen. Dann zerstreut sich alles und läßt lockere Maschen, durch die die Wahrheit des Bildes und des beschriebenen Dinges leicht entschlüpft. Ja, dieses unvergeßliche Bild des alten Cézanne! – Er stand vor Gasquet, faltete die Hände fest ineinander und sagte: – "Das muß man in der Malerei erreichen. Es darf keine einzige lockere Masche geben, durch die die Wahrheit entschlüpft. Die Leinwand verschränkt die Finger, sie schwankt nicht, ist wahr, dicht, voll." Da liegt eine große Wahrheit – allein durch das Ethos der Form erhebt sich Malerei zur moralischen Handlung. Alles Gewollte, Gewünschte, die schönen Ideen und die eigene Ergriffenheit müssen erst auf der formalen – Ebene konkret gemacht werden, denn hier allein entscheidet es sich, ob eine zweite Wirklichkeit geboren wird, die Wirklichkeit des Bildes.

Natürlich, die Antriebe zur Kunst haben sich heute verändert. Wahrscheinlich hat Gottfried Beim recht – "die neuen Götter heißen Ordnung und Form und wünschen sich als Arbeit in des Menschen Hand". Es geht nicht mehr um "Ausdruck", es geht um abgeschlossene Gebilde, die das Sichtbare und das Erträumte zu geformten, für sich bestehenden Dingen verdichten und sie der zweiten Wirklichkeit des Bildes einverwandeln. Die Formel, Kunst sei Natur, gesehen durch ein Temperament, ist zweifelhaft geworden.

Aber man darf eben von einem Künstler nichts verlangen, was nicht in seiner Menschlichkeit gegründet ist. Kokoschka hat einen anderen Auftrag. Er führt die Linie weiter, die Sievogt und Corinth anlegten und steigert sie zu einem ekstatischen Impressionismus. Die Absicht zielt darauf, durch die visionäre Schau die Wirklichkeit zu humanisieren. Hier aber scheitert es sich trotz genialer seelischer Veranlagung leicht, weil die Vision der Orientierung auf der formalen Ebene hinderlich ist. Werner Haftmann