Mit der "Deutschen Industrie-Ausstellung 1950", die am Sonntag vom Bundespräsidenten im Beisein führender Persönlichkeiten des In- und Auslandes eröffnet wurde, hat sich die traditionelle Messestadt Berlin selbst übertroffen. Aus West- und aus Ostberlin, aus der sowjetischen Zone, aus Westdeutschland und dem Ausland fließt seit dem Eröffnungstag ein ununterbrochener Besucherstrom zu dem prachtvollen Ausstellungsgelände am Funkturm. Und man muß es den Berlinern zugestehen: sie haben mit dieser internationalen Ausstellung wieder jenes Weltstadtfluidum geschaffen, das einst eine Selbstverständlichkeit war. Berlin hat sich wieder an die Spitze des deutschen Ausstellungswesens gesetzt.

Diese Ausstellung ist vor allem ein wirkungsvolles Schaufenster nach dem Osten. Der ständig anwachsenden Besuchermenge aus dem Ostsektor und aus der "Zone" wird zum ersten Male im Nachkriegsberlin ein geschlossenes Bild deutscher Lestungsfähigkeit von Industrie wie Handwerk vermittelt. Was in Berlin und in Westdeutschland an Firmen von Rang und Namen existiert, ist in jenen elf gewaltigen Hallen und auf dem weiten Freigelände vertreten. Als erfreuliches Symbol der Internationalität dieser verhinderten Hauptstadt sei die repräsentative Teilnahme der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, Frankreichs, Italiens, der Schweiz, und Belgiens registriert.

Auf Schritt und Tritt spürt man es – und nicht nur in den Messehallen allein –, daß Betlin längst nicht mehr der nur "nehmende Teil" ist. Es hat wohl zu vermerkende ökonomische Fortschritte gemacht. Mit der fortschreitenden Konsolidierung seiner Wirtschaft ist es für Westdeutschland ein wertvolles Liefer- und Absatzgebiet geworden, auf dem Wege, seine einstige Position wieder zu erringen.

Wenn auch bedauert werden muß, daß die deutsche Automobilindustrie – besonders nach dem glänzenden Erfolg ihrer kürzlichen Berliner Ausstellung – und die Lebensmittelindustrie in den Hallen an der Masurenallee fehlen, so muß doch gesagt werden, daß die überfülle der übrigen Branchen diesen Ausfall wettmacht. Anerkennung verdient zumal die Gemeinschaftsschau der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie und u. a. die der Westberliner Textilindustrie. Bei den einzelnen Branchen nimmt einen führenden Platz, alter Tradition gemäß, die Funk- und die Elektroindustrie ein. Die Aufwärtsentwicklung der "alten" Berliner Unternehmen AEG und Borsig wird günstig vermerkt; man darf aber auch nicht die Philips, Mix & Genest. Adrema, Flohr, Lindner, Loewe & Co., Linotype und DETEWE übersehen. Aus der Kautschukindustrie stellen Continental, Phoenix, Dunlop und Metzeler aus Gute Leistungen zeigen die Berliner Lederwaren-, Bekleidungs- und Möbelindustrien. Sie dürften bei dem zu erwartenden Auslandsgeschäft nicht ungünstig abschneiden.

Eine Fülle von Tagungen unterstreicht die Bedeutung dieser Ausstellung. Den Reigen eröffnete der Bundesverband der Deutschen Industrie. Es folgten und folgen die Tagung "Wirtschaftsgut Wärme", der "Deutsche Weltwirtschaftstag 1950", der "Deutsche Volkswirtekongreß", Tagungen der Zentralvereinigung deutscher Handelsvertreter und Handelsmakler, der Fachgemeinschaft Funk, der Kautschukindustrie, des Industrie-Ofenbaues, der feinmechanischen und optischen Industrie, des Zentral Verbandes Elektroindustrie und u. a. der Büromaschinenfabriken.

Wir wollen hoffen, daß diese Ausstellung, die am 15. Oktober beendet werden soll, noch um eine Woche verlängert wird, um recht vielen Besuchern den Weg nach dem freien Berlin zu weisen. Willy Wenzke