Als das Zentralkomitee der SED vor vier Wochen sieben prominente Funktionäre der Ostzone "wegen Verbindung mit dem amerikanischen Spionageagenten Noel Field und wegen umfangreicher Hilfe für den Klassenfeind" aus der Partei ausschloß und vier weitere ihrer Ämter enthob, lag sogleich die Vermutung nahe, daß sich an dieses Verfahren ein Strafprozeß anschließen werde. Zwar konnten die Funktionäre durch ihre Verbindung mit Field ein Vergehen gegen die Sicherheit der "Deutschen Demokratischen Republik" nicht gut begangen haben, weil dieser Pseudostaat damals noch gar nicht bestand, doch gehört es nun einmal zur modernen "Rechtspflege", hinterher zu bestrafen, was vorher gegen kein Gesetz verstieß. Jetzt hat der Kommunist Dr. Kaul, der wahrscheinlich selbst Ankläger sein wird, in Berlin einen Prozeß gegen die Ausgestoßenen angekündigt. Hauptangeklagte werden Bruno Goldhammer, Mitarbeiter Gerhard Eislers im Propagandaamt der Ostzone, und Paul Merker, Mitglied des Politbüros seit 1945,. sein, neben ihnen sollen Lex Ende, führender SED-Journalist, Willi Kreikemeyer, bisher Direktor der Ostzonen-Eisenbahn, Leo Bauer vom Sender Berlin und Maria Weiterer von der kommunistischen Frauenliga vor Gericht gestellt werden. Das Bemerkenswerte an der Mitteilung Kauls war aber nicht die Liste der Angeklagten, sondern seine Ankündigung, Noel Field "könnte" in dem Prozeß als Zeuge auftreten.

Noel Field ist eine der dunkelsten Persönlichkeiten aus der Welt der modernen Spionage. Hede Massing, Gerhard Eislers frühere Frau, die in den dreißiger Jahren als sowjetische Agentin in den USA arbeitete, hat in ihren Memoiren (siehe "Die Zeit" Nr. 24 und 25) erzählt, wie sie Ende 1934 mit dem damaligen Beamten des State Department Noel Field Beziehungen aufnahm, mit ihm zusammenarbeitete und dabei in einen Konflikt mit Alger Hiss geriet, der voriges Jahr in Zusammenhang mit Untersuchungen über kommunistische Spionage in Amerika zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden ist. Hiss hatte damals versucht, Field für seine eigene Agentenorganisation zu gewinnen. Später, im Kriege, verlegte Field seine Tätigkeit nach der Schweiz. Dort arbeitete er mit kommunistischen Agenten zusammen.

In der Öffentlichkeit tauchte sein Name zuerst Im Frühjahr 1949 auf, gelegentlich der Untersuchung gegen Alger Hiss, und wenig darauf auch im Prozeß gegen den ungarischen Kommunistenführer Laszlo Rajk, der im vergangenen Jahr in Budapest zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Kurz vor Beginn des Rajk-Prozesses jedoch, in welchem die Verbindung zwischen Rajk und Field als einer der Hauptanklagepunkte figurierte, verschwand Field selbst auf dem Weg von Preßburg nach Budapest. Da jedoch zu befürchten stand, daß auch die Verwandten Fields aus der Schule plaudern könnten, ließ man der Reihe nach gleichfalls seinen Bruder Hermann Field, einen Architekten aus Cleveland, und auch Noels Frau Herta verschwinden. Hermann war nach Prag gefahren, um nach Noel zu suchen, Herta war nach Prag gekommen, um Hermann zu treffen. Das war am Mai 1949, aber im September 1950 verschwand auch noch Fields Adoptivtochter, Frau Robert Wallach, die vier Wochen zuvor nach Berlin gekommen war, um erneut nach Field samt Bruder und Frau zu suchen.

Die SED bezeichnete in ihrem viele Seiten langen Kommuniqué über den Ausschluß jener Funktionäre, die jetzt vor Gericht gestellt werden sollen, Field schlankweg als "amerikanischen Agenten" oder als "Oberagenten von Allan Dulles", jenen Dulles, der im Kriege den amerikanischen Nachrichtendienst in der Schweiz geleitet hat. Immerhin hat Dr. Kaul jetzt zugegeben, daß Field "früher" Kommunist gewesen sei, nachdem bereits durch die Hiss-Untersuchung und durch die Aussage der Hede Massing erwiesen war, daß er im State Department als sowjetischer Agent gearbeitet hat. Es könnte jedoch sein, daß Field im Kriege noch zu einem Zeitpunkt an die amerikanisch-sowjetische Zusammenarbeit geglaubt hat, als Stalin und das Politbüro bereits zu einem zukünftigen Konflikt entschlossen waren, während sie sich (es war 1943) noch aus Amerika die Waffen liefern ließen, um der Deutschen Herr zu werden. Daher mag Field, obwohl überzeugter Kommunist, der Linie des Politbüros nicht treu gewesen sein, die er damals gar nicht kannte und von der auch die meisten nach dem Westen geflohenen Kommunisten nichts ahnten. Es scheint, daß es die in diesem Nichterraten des Stalin-Kurses gegen Amerika gelegene Deviation ist, die heute überall im Osten verfolgt wird oder als Vorwand für die Verfolgung sonstwie mißliebig gewordener Kommunistenführer dient. Dafür spricht auch, daß überall gerade diejenigen der Säuberung zum Opfer fallen, die nach Westen emigriert oder in ihrem Land geblieben waren, während als ihre Ankläger jene fungieren, die nach Moskau emigriert waren. So geschah es im Falle Rajk, im Falle Kostow – und so geschieht es jetzt im Falle Merker-Goldhammer. H. A.