Von Carl Friedrich von Weizsäcker

Vom 4. bis 8. Oktober findet in Hamburg die erste Bundestagung des Verbandes deutscher Schullandheime statt. Der Göttinger Physiker, als wissenschaftlicher Forscher wie als Philosoph gleich angesehen, nimmt das Wort zu zwei Fragen, deren innerer Zusammenhang zumeist nicht gesehen wird.

Im Schulwesen unserer Zeit muß den Internaten eine besondere Bedeutung zufallen. Das Kind braucht ja nicht nur Unterricht, sondern Erziehung. Erziehung ist im Fachunterricht auf der Schulbank nur in geringem Maße möglich. Sie verlangt Lebensgemeinschaft. Früher bot die Familie fast allen Kindern diese Lebensgemeinschaft. Heute sind viele Familien zerrissen. Viele Kinder haben keinen Vater, viele Mütter müssen verdienen, oft sind die Wohnverhältnisse unerträglich. Die Lebensgemeinschaft eines Internats ist in vielen Fällen bei weitem das beste, was einem Kinde geboten werden kann. Eine Zwischenlösung waren – etwa in industriellen Großstädten – Tagesschulen, welche den Kindern die Fürsorge während des ganzen Tages bieten. Internate werden wohl vorzugsweise für höhere Schulen in Betracht kommen, Tagesschulen hingegen auch für Volksschulen.

Die Internate stehen aber vor inneren und äußeren Schwierigkeiten. Die inneren Schwierigkeiten sind ewig menschlich und keineswegs auf die Internate beschränkt. Je enger zusammengedrängt wir wohnen müssen, desto gründlicher lernen wir, wie schwer dem Menschen das Zusammenleben fällt. Die Ehe, die Polis, das Kloster waren von jeher die Orte, an denen die Menschen auf die schärfste Probe gestellt wurden, ob sie nämlich einander zu ertragen und ein größeres Ganzes zu werden vermöchten. Und wer kann die Verantwortung für die Erziehung von Kindern in ihrem vollen Umfang tragen?

Aber diesen Problemen haben wir ins Auge zu sehen; die Praxis fordert es. Die Landerziehungsheime, aus der pädagogischen Erneuerungsbewegung der letzten Jahrzehnte hervorgegangen, sind ein Versuch dazu. Ein Versuch, äußere Umstände für die Kinder zu schaffen, in denen nicht schon die engen Mauern und die Luft der Stadt den Konflikt von Freiheit und Zucht verschärfen. Sie sind der Versuch, in einer hellen Lebensluft die freiwillige Zucht zu üben, die die Grundlage freiheitlichen Zusammenlebens der Menschen ist. Dieser Versuch scheint mir der höchsten inneren Anteilnahme und äußeren Förderung wert zu sein.

Die äußere Förderung nun ist besonders dringend notwendig. Wie alles geistig Wertvolle sind die Internate in unserer Zeit ständig in ihrer Existenz bedroht. Was im Hinblick auf den Wald jeder begreift, begreifen erstaunlicherweise die verantwortlichen Menschen noch nicht zur Genüge in bezug auf Erziehung und Kultur: daß man große Bäume nur haben kann, wenn man Jahrzehnte vorher kleine Bäume pflanzte und sie hegt. Zwar glauben manche Menschen, die Internate seien sozial exklusiv. Ihrem Willen nach sind es die heutigen Internate aber gewiß nicht; wenn ihnen jedoch die notwendige Unterstützung versagt wird, zwingt man sie dazu, nur solche Kinder aufzunehmen, deren Eltern ein höheres Schulgeld zahlen können. Es wäre Sache des Staats, der Gewerkschaften, der Kirchen, solche Schulen zu unterstützen, etwa indem sie Freistellen errichten, um den begabtesten Kindern ohne Rücksicht auf den Geldbeutel der Eltern den Zugang zur besten Ausbildung zu eröffnen. Oder wenigstens müßte der Stützung solcher Schulen durch steuerliche Erleichterung entgegengekommen werden. Es ist eine weitere Paradoxie, daß die Währungsreform, die in der Wirtschaft den staatsfreien Raum erweitern sollte, ihn in der Kultur, wo er mindestens ebenso nötig ist, so gut wie vernichtet hat. Denn welcher steuerehrliche Private kann heute hinreichende Summen für eine Schule, ein Forschungsinstitut, ein Theater stiften? Immerhin sei hervorgehoben, daß Stiftungen für gemeinnützige Zwecke heute wenigstens in gewissen Grenzen steuerabzugsfähig und daß die Landschulheime im allgemeinen als gemeinnützige Institutionen anerkannt sind. Hier ist jeder zur Mithilfe aufgerufen.

Ein anderes Problem sind die Unterrichtsgegenstände. Es gibt heute in Deutschland ein änziges rein humanistisches Landschulheim, den Birklehof in Hinterzarten im Schwarzwald. Ich kenne gerade diese Schule gut und glaube, daß sie den Gegenstand richtig gewählt hat. Ich möchte das zum Anlaß nehmen, einiges über das humanistische Gymnasium im allgemeinen zu lagen. Diese Schulform ist das Erbe der großen Zeit des deutschen Geistes. Aber ist sie noch modern? Genügt sie den Anforderungen unserer Zeit? Vielleicht bin ich als Naturwissenschaftler weniger der humanistischen Voreingenommenheit verdächtig denn als Philologe. Eben darum fühle ich mich verpflichtet zu sagen, daß die alten Sprachen nach meiner Meinung dem zwanzigsten Jahrhundert ebenso not tun wie allen vorangegangenen. Im naturwissenschaftlichen Bereich ist es bekannt, daß die Forschung von heute die Technik von morgen ist. Die Grundlagen müssen wir kennen, wenn wir in den Anwendungen Erfolg haben wollen. Sowenig nun wie die Technik aus dem Strom der naturwissenschaftlichen Forschung läßt sich die Naturwissenschaft aus dem Strom der geistigen Entwicklung des Abendlandes herauslösen. Dieser Strom aber hat seinen Ursprung bei den Griechen. Wer wird sich im chaotischen Stimmengewirr der Neuzeit besser zurechtfinden? Derjenige, der die Grundmelodie nie gehört hat, über die jede neue Stimme, wissend oder unwissend, nur eine neue Variation gibt? Oder der, in dessen Ohr seit der Jugend unvergeßlich der Fall der Verse Homers, die unerbittliche Frage des Sokrates klingt, und der das Neue Testament in der Sprache lesen kann, in der es geschrieben ist?