Der 38. Breitengrad ist von südkoreanischen Truppen des Generals MacArthur überschritten worden. Er ist nie eine natürliche Grenze gewesen. Zu einem Trennungsstrich zwischen Nord- und Südkorea war er erst dadurch geworden, daß Stalin und die Alliierten vereinbart hatten, bei der Kapitulation der Japaner sollte der nördlich von ihm gelegene Teil Koreas durch die Sowjetrussen, der südliche hingegen durch die Amerikaner von japanischen Truppen gesäubert werden. So konnte man mit Recht von einer papierenen oder erdachten Grenze sprechen. In einer anderen Hinsicht jedoch war diese künstliche Grenze sehr real, ja ein so unübersteigbares Hindernis, wie es Grenzen im allgemeinen nicht zu sein pflegen, denn die Sowjets hatten gegen alle Verträge Nordkorea zu einem selbständigen kommunistischen Staat entwickelt. So trennte also der 38. Breitengrad die freie Welt von der roten Diktatur des Kremls, ein Eiserner Vorhang, nicht anders als der Eiserne Vorhang in Europa. Dennoch ist innerhalb von 99 Tagen diese Grenze nun zum zweitenmal überquert worden. Der Versuch Moskaus, sie vorzuverlegen, ein Versuch, der den Gewalthabern des Politbüros in Europa mehrmals glückte, ist zum erstenmal gescheitert, und, was bisher unerhört war, Truppen einer freien Nation sind kämpfend in ein Gebiet eingedrungen, das vor diesem Zeitpunkt unbestritten unter der Hoheit der Sowjets stand. Das ist ein Ereignis vor außerordentlicher Bedeutung, und ohne weiteres erhebt sich die Frage: Wie wird sich die kommunistisch beherrschte Welt mit ihm abfinden?

Der Angriff, den die Nordkoreaner im Morgengrauen des 25. Juni begannen, als sie den 38. Breitengrad in südlicher Richtung überschritten, dürfte kaum auf die alleinige Initiative ihres Ministerpräsidenten Kim Il Sung zurückzuführen sein. Ohne Zweifel war das Vorgehen mit Moskau abgestimmt, wahrscheinlich vom Kreml direkt befohlen. Genaueres wird man hierüber so bald nicht erfahren, jedoch steht eines bereits fest: die Rechnung, wer immer sie auch begonnen hat, ist bisher nicht aufgegangen. Es hat sich ein Fehler in die offenbar sehr genau durchgeführte Kalkulation eingeschlichen, und diesen Fehler sollte man zu bestimmen versuchen, denn aus ihm wird man auf eine grundlegende Schwäche im politischen Denken Moskaus schließen können.

Wir erinnern uns: Malik, der russische Vertreter im Weltsicherheitsrat, nahm an dessen Verhandlungen längere Zeit nicht teil aus Protest gegen die Anwesenheit eines nationalchinesischen Deputierten der Regierung Tschiangkaischek. Auf diese Weise fiel das russische Veto aus, als der Sicherheitsrat beschloß, die UNO-Staaten sollten mit Waffengewalt die Aggression der Nordkoreaner bekämpfen. Hatte Moskau mit Absicht kein Veto einlegen wollen, weil es fest glaubte, bevor der schwerfällige Apparat der UNO in Bewegung geriete, werde Südkorea längst von den Nordkoreanern erobert sein? Wollte man die Ohnmacht der Westmächte auf diese Weise den asiatischen Völkern vor Augen führen? Wollte man – es war die Zeit der großen sowjetischen Friedenspropaganda – sich um das Veto herumdrücken, um nicht vor der Welt überall als Verteidiger einer Aggression, ja sogar als der eigentlich Verantwortliche für diesen Bürgerkrieg dazustehen, immer in der Gewißheit, die Nordkoreaner würden jedem UNO-Beschluß zuvorkommen?

Vielleicht hat man auch – dies liegt durchaus in der Richtung sowjetischen Denkens – einkalkuliert, daß sowohl die Vereinigten Staaten als auch die sonstigen Mächte des Atlantikpaktes durch den Koreakonflikt zu erhöhten Rüstungsanstrengungen getrieben werden würden. Man sucht ja von Moskau aus auf jede Weise den wirtschaftlichen Aufbau des Westens zu stören, und wenn ein solches Ergebnis zu den Erwartungen des Politbüros gehört hat, so kann man nicht leugnen, daß man sich in dieser Richtung nicht verrechnet hat. In der Tat sind überall in der freien Welt die Preise gestiegen. Das hat zu Streiks geführt, zu Lohnerhöhungen und zu Unruhe in der Wirtschaft.

Auch hat man im Kreml wohl erwartet, daß die großen asiatischen Staaten ein Eingreifen der bisherigen Kolonialmächte – Englands und Frankreichs – und auch der von den Kommunisten immer als imperialistisch verschrieenen Vereinigten Staaten sehr ungern sehen würden und dies zu ihrer stärkeren Anlehnung an Sowjetrußland führen werde. Man weiß in Moskau sehr gut, daß sowohl der japanisch-chinesische Krieg als auch der chinesische Bürgerkrieg, die Aufstände in Indonesien und Indochina wie der Entwicklung in Indien und Burma mehr oder minder deutlich der Befreiung von der Vorherrschaft des weißen Mannes galten. Und auch hier stimmte die Rechnung zunächst. Man wird sich erinnern, wie ungehalten das indische Parlament war, als Pandit Nehru zu Beginn des Koreakonfliktes sich vorbehaltlos für ein Eingreifen der UNO aussprach. Und die andere asiatische Großmacht, Rot-China, hat durch den Mund ihres Ministerpräsidenten Tschau Enlai auch jetzt noch verkünden lassen, man beobachte die Vorgänge in Korea sehr genau und werde einer Invasion "seiner Nachbarn durch die Imperialisten" nicht untätig zusehen.

Nimmt man all diese Erwägungen zusammen – es mag im Politbüro noch andere gegeben haben, die wir nicht erraten können –, dann wird man zugeben müssen, daß das Spiel nicht so schlecht angelegt war, wie man heute nach, seinem Mißerfolg wohl annehmen möchte. Vielleicht war sein Fehler, daß es zu fein war, zu intrigant, zu unmenschlich, nämlich rein, dialektisch-intellektuell. In diese ganze ausgeklügelte Rechnung waren nämlich einige Faktoren nicht eingesetzt worden: menschliche Werte, das Gerechtigkeitsgefühl, die Tapferkeit und der Wagemut der Amerikaner.

Präsident Truman und Staatssekretär Acheson haben nach der entscheidenden Besprechung im Weißen Haus gegen den Rat der Militärs und des Verteidigungsministers Johnson beschlossen, alle Kräfte der Vereinigten Staaten der UNO zur Verfügung zu stellen, damit sie imstande sei, gegen die nordkoreanischen Friedensstörer vorzugehen. Sie fanden in General MacArthur den Feldherrn, der mit militärischem Genie eine schnelle Entscheidung herbeizuführen wußte. Sie verfügten – was die Welt trotz des vorigen Krieges immer noch nicht wußte – über amerikanische Soldaten, die sich, viele Tausende von Kilometern von der Heimat entfernt, mit äußerster Bravour schlugen – um der Gerechtigkeit willen, die in der Welt herrschen sollte. Sie fanden auch, was unter keinen Umständen vergessen werden darf, bereitwillige Unterstützung bei anderen UNO-Staaten: Urplötzlich vollzog sich etwas wie ein Aufbruch der freien Völker.