Von B. J. Modi

Die Formen unseres Denkens in Europa scheinen festgeprägt zu sein. Ost und West, gut und böse, Freiheit und Unfreiheit –: dies alles scheint uns absolut. Asien aber denkt anders. Wir haben daher den bekannten irdischen Publizisten B. J. Modi gebeten, uns den Kalten Krieg aus asiatischer Schau zu beschreiben.

Der koreanische Krieg hatte anfangs in Asien eine böse Reaktion hervorgerufen. Die Menschen verurteilten das Bomben, Brennen und Töten in Korea. Die Sowjets waren klug genug, nicht direkt zu intervenieren, und ihre Propaganda in der UNO tat ein übriges. Ei stand schlecht um die Sache der Alliierten aus der asiatischen Schau. Dies hat sich inzwischen geändert. Die asiatischen Völker fühlen, daß in Korea nicht ein reiner Kolonialkrieg geführt wird. Mit größter Aufmerksamkeit verfolgen sie nun auch die Fortsetzung des Kalten Krieges zwischen Ost und West.

Die sowjetische Strategie kennt keine Grenzen. Der Kalte Krieg kann von ihr leicht über Nacht von einem Abschnitt auf den anderen umgeschaltet werden. Der schwächste Punkt der alliierten Strategie war bisher der Ferne Osten. Die sowjetischen Politiker wußten da, und nutzten diese Situation zu ihrem Vorteil aus. In den Augen vieler Asiaten, in China, Incochina, Korea und Malaya standen sie als Befreier da. Auf der anderen Seite haben sich die Vereinigten Staaten und die übrigen Westmächte die Blöße gegeben, in Asien Persönlichkeiten wie Tschiangkaischek, Bao Dai und Syngman Rhee zu stützen, die niemanden repräsentieren als sich selbst. So sind die USA gegen ihren Willen vielfach in einem Kampf gegen das Volk verwickelt, das jenen Männern mißtraut. Diese merkwürdige Situation hat sich besonders aus einem Faktor ergeben: Es ist das Zögern der USA im asiatischen Kalten Krieg, auf die Seite der nach Erneuerung strebenden Parteien zu treten. Wenn die USA vor einigen Jahren die europäischen Kolonialmächte veranlaßt hätten, ihre Politik zu ändern und die Macht auf die Eingeborenen zu übertragen, wären die Ergebnisse ganz andere gewesen, als beispielsweise im Fall Indonesien. Jetzt ist es vielleicht zu spät.

Die Geschichte Asiens ist sehr verschieden von der Westeuropas. Um Asien zu verstehen, muß man die Folgen des westlichen Imperialismus, in Asien verstehen. Das Ergebnis von drei Jahrhunderten westlicher Herrschaft ist ein Asien, das heute ärmer und schwächer ist als je zuvor, Man könnte in Europa zwar sagen, daß indirekte Vorteile dieser Fremdherrschaft bestehen, wie die Industrialisierung, die Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse, die politische Erziehung und Schulung und ähnliches mehr. Aber ein Asiate würde entgegnen, industrialisiert hätte man wir, um besser ausbeuten zu können. Eisenbahnen seien gebaut, um höhere Gewinne für die überseeischen Regierungssitze zu erzielen. Und Industrien seien errichtet worden, um billige Arbeitskräfte auszunutzen. Einige Reformen wird er zugeben, aber sie zugleich als Maskierungen ansehen, die angewandt wurden, um der sich erhebenden internationalen Forderung auf Entwicklung rückständiger Gebiete nachzukommen. Im Ganzen bedeutet westliche Herrschaft für den Asiaten Armut, Verdummung und Sklaverei.

Seit dem ersten Weltkrieg fühlen sich die asiatischen Führer auch politisch zutiefst enttäuscht. Die meisten von ihnen hatten ihren Beherrschern bei den Kriegsanstrengungen geholfen und sich davon einige Reformen erhofft. Die Hoffnungen wurden nicht erfüllt. Mahatma Gandhi, der die Briten mit Begeisterung unterstützte, erklärte vor dem Gericht, das ihn wegen Ungehorsams gegen die Besatzungsmacht anklagte, daß er um Brot gebeten und Steine erhalten habe.

Beim Ausbruch des zweiten Weltkrieges versuchten die meisten der asiatischen Führer dennoch erneut, mit ihren Herrschermächten Abkommen zu treffen. Diese aber kamen nicht von der Idee los, den status quo in Asien zu erhalten, obwohl sie doch in Europa für die Freiheit kämpften. Die Atlantik-Charta wurde nicht auf die asiatischen Länder angewandt. Die asiatischen Führer befanden sich in einer schwierigen Situation. Genau wie der Westen für die seine, so hatten sie für ihre Freiheit zu kämpfen. In ihren Bemühungen verfolgten die asiatischen Politiker verschiedene Wege, wobei sie das Risiko in Kauf nahmen, falsch verstanden zu werden. Das Resultat war, daß einige Männer, wie Gandhi und Nehru, die hervorragende Zeugnisse als Demokraten hatten, ins Gefängnis geworfen wurden. Andere kollaborierten mit den Japanern.