Es würde wohl für jeden ein verzweifelter Mut dazu gehören, die eigenen Leistungen nach Jahren Revue passieren zu lassen. Wer könnte schon mit sich zufrieden sein? Der deutsche Film hat in der „Woche des deutschen Films“ diesen Rückblick in aller Öffentlichkeit gewagt. Nun kann man nur hoffen, daß er Konsequenzen für die weitere Arbeit zieht. Denn das Ergebnis dieser Repräsentationswoche war nun wirklich nicht repräsentativ für den deutschen Film. In Hamburg etwa bestand ungefähr die Hälfte der wiederaufgeführten Filme aus Reprisen aus den Jahren vor 1945, und unter der neuen deutschen Produktion war leider kaum einer der wesentlichen oder doch experimentell wichtigen Filme aus den ersten Nachkriegsjahren wie „In jenen Tagen“, „Film ohne Titel“, „Der Herr vom „andern Stern“, „Berliner Ballade“, „Der Ruf“, „Schicksal aus zweiter Hand“. Der Überblick über die neueste Produktion aber ergab, daß sie sich technisch wieder einer einst vorhandenen Perfektion nähert, während sie künstlerischen Wagemut vermissen läßt und von der Konzeption her sehr oft dünn und unausgereift ist.

„Der Mann, der zweimal leben wollte“ (Harvestehuder Lichtspiele, Hamburg) ist aus solch einem papiernem Drehbuch mit papiernen Dialogen entstanden. Aber durch tiefenpsychologische Schürfungen (mit der Stimme aus dem Unterbewußtsein; die das andere Ich höflich siezt), durch realistische Passagen von großer Echtheit (im Fischkutter, in der Eisenbahn), durch technische Leistung (an der Kamera: W. Tschet) und bedeutende darstellerische Kapazität (Rudolf Forster, Heidemarie Hatheyer, Regie v. Tourjansky) strahlt der Film eine tastende Experimentierfreude aus, die sympathisch berührt. Rudolf Forster, der als berühmter Chefarzt beweisen soll, daß er an seinem erfolgreichen Leben gescheitert ist und als neuer Mensch mit neuem Namen von vorn anfangen will, spielt mehr sich selbst als seine schier unmögliche Rolle, aber er zeigt, daß er noch immer viel einzusetzen hat an menschlicher Substanz und persönlichem Profil. In seinem Gesicht, auf das die Kamera im stockenden Fluß der Handlung immer wieder zurückgreift, ist wirklich etwas drin. E. M.

Daß es für einen Mörder kein anderes Motiv für seinen Mord gibt als die Tatsache, daß er ein Verbrecher ist, ist offenbar Unsinn. Daß ein Verbrecher sein sicheres Versteck, das er sich in den Reihen der Kriminalpolizei als besonders tüchtiger Kriminalkommissar erworben hatte (im nächsten Film wird man uns sicher den Polizeipräsidenten persönlich als Mörder vorstellen), durch einen unmotivierten Mord wieder gefährdet, ist zum mindesten unlogisch. Dennoch beruht das Drehbuch des zur Deutschen Filmwoche uraufgeführten Kriminalfilms „Der Fall Rabanser“ (Capitol, Hamburg) auf zwei solche Unsinnigkeiten. Nur teilweise kann die subtile und handwerklich meisterhafte Regie von Kurt Hoffmann diese Schnitzer verdecken. Der Regisseur, der mit dem Kameramann Alfred Benitz zusammen die Eigengesetzlichkeit des Kriminalfilms beachtete – größte Sparsamkeit mit Großaufnahmen, mit der Musik und mit Dialogen –, der die Dinge mitsprechen läßt (regennasse Häuser, Straßenlaternen, Bootsstege und Uhren), hatte seine Schauspieler zu einem Ensemble zusammengefaßt, aus dem besonders Hans Söhnker als Peter Rabanser, Ilse Steppat in der Rolle einer anrüchigen Baronin und Inge Meysel als Geliebte eines Chauffeurs hervorragten. P. H.

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Stuttgart, im Oktober

„Cordula“ ist der erste Film aus der Paula-Wessely-Produktion. Max Mell und der Regisseur Gustav Ucicky schrieben das Drehbuch nach dem 1927 erschienenen „epischen Gedicht“ „Kirbisch oder Der Gendarm, die Schande und das Glück“ von Anton Wildgans. Was aber bei Wildgans trotz, seiner Hexameter eine Parodie voller Humor und Saft auf ländliches Schiebertum und Korruption während des ersten Weltkrieges war, wird im Film meist in schweren Ernst gewendet. Er betont gerade das, was bei Wildgans am meisten seiner Zeit verhaftet war, und wirkt so „literarischer“ als seine Vorlage.

„Cordula“ greift viele Probleme auf, auch die des Glaubens und der Anklage des Krieges. Sie werden jedoch nicht dramaturgisch zwingend miteinander verbunden. Was in die Tiefe gehen will, wird oft nicht nur schwer, sondern schwerfällig. Zumal von Ucicky und seinem Kameramann Schneeberger die filmischen Ausdrucksmittel des bewegten Bildes geradezu bestürzend verabsäumt wurden. Es bleibt die Gestalt der ledigen Mutter Cordula in ihrer Lebenstapferkeit und selbstverständlichen schlichten Frömmigkeit, auch wenn sie uns für Paula Wessely nun schon standardisiert erscheint. Doch selbst ihrer Herzlichkeit gelingt es nicht mehr, die pathetischen Schlußworte in Leben zu verwandeln. Die Figur des Gendarmen Kirbisch, die ins aufgesetzt „Heroische“ verkehrt wurde, gibt Attila Hörbiger in altösterreichischer Aufmachung. (Uraufführung im Universum, Stuttgart.) H. D.