Von Gerhardpaul Friedrich

Die Liebe meiner Verlobten Luise zu mir erkältete, als sie Erich Bruch kennenlernte. Erich Bruch war Flieger a. D. Ich war Angestellter bei einem Konkursverwalter. "Wenn du einen männlicheren Beruf hättest...", sagte sie, "aber so ...!"

Flieger werden kann man heutzutage nicht. Als Stierkämpfer hätte ich nach Spanien gemußt, und da war keine Luise. Rennfahrer gab es schon zu viele. Berühmte Bergsteiger auch. Zum Boxer fehlte mir das Format. Da las ich eines Tages ein Inserat: "Taucher gesucht!" Das war Neuland! Es gab sicher wenig Taucher, sonst würde man sie nicht in der Zeitung suchen. Und wenn es wenig Taucher gab, war die Chance, ein berühmter Taucher zu werden, groß. Ich schrieb hin. Man telegraphierte zurück. Aus Oberwellenborn. Ich fuhr.

Es war die Moritzhütte. "Uns ist eine wertvolle Ladung Schwermetallrohre von Deck gerollt. Sie muß so schnell wie möglich gehoben werden." – "Jawohl, Herr Direktor."

"Es sind dreißig Rohre. Sie werden die Dinger am besten unter Wasser zusammenschweißen und dann mit der Winde hochziehen lassen." – "So kann man’s auch machen", sagte ich. – "Gut. Anzug und Pumpe stehen schon bereit. Können Sie heute nachmittag schon tauchen?" – "Sicherlich tauche nur nachmittags." – "Nur nachmittags?" – "Da ist das Wasser wärmer." – "Soso. Na, dann geben Sie rasch Ihr Arbeitsbuch auf dem Personalbüro ab und gehen Sie nach Tisch an die .Elbe zu unserer Anlegestelle."

In meinem Arbeitsbuch stand vieles, aber nichts vom Tauchen. Ich sagte, ich hätte kein Arbeitsbuch. "Sie haben kein Arbeitsbuch?" – "Nein, ich bin freischaffender Taucher." – "Aber Sie gehören einer Berufsorganisation an?" – "Ja, der Arbeitsgemeinschaft freischaffender Flach- und Tieftaucher e. V., Oberammergau." – "Gut. Dann fangen Sie an." Der Direktor schüttelte mir die Hand und ich aß zu Mittag. Ich aß Fisch. Dann betrat ich die Anlegestelle. Eine Art Floß lag davor, und mehrere Männer wickelten an einer Art Schnur herum. Einer stand mit einem Fotoapparat vorm Bauch an der Reling und rauchte. Man fragte, was ich wolle, und wies auf das Schild, das Unbefugten den Zutritt untersagte. "Ich bin der neue Taucher", stellte ich mich vor, "zweifacher Weltmeister und Inhaber zahlreicher Auslandspatente." Die Männer sahen mich wortlos an, und der Mann an der Reling knipste mich kniend von allen Seiten. "Ich bin von der ‚Oberwellenborner Freien Presse‘", sagte er dabei, "können Sie mir kurz ein paar Eindrücke geben, die Sie vor dem Tauchen haben?"

"Vor jedem Tauchen habe ich einen imponierenden Eindruck von der Majestät des Wassers", gab ich bereitwillig Auskunft. Die Männer brachten inzwischen einen Gummianzug. Ich band meine Krawatte ab und stieg ein. Während der Helm aufgeschraubt wurde, hatte sich viel Volk am Ufer angesammelt und schaute zu. Ich bekam eine Leine in die Hand, eine Lampe und eine gebogene Stange. "Ist das der Lötkolben?" fragte ich. Die Männer lachten gutmütig und brachten das Ding in Gang. Der Reporter fragte auch. So erfuhr ich, daß es ein Schweißapparat war. Zwei Männer fingen an zu pumpen, und kühler Wind fächelte mir um die Ohren Dann wurde die Öffnung vor dem Munde zugeschraubt und ich wollte über Bord. Es ging nicht. Ich winkte. Man schraubte meinen Mund wieder auf. "Ihr müßt meine Füße abschrauben", sagte ich. Die Männer fanden mich wahrscheinlich sehr spaßig und lachten. Der Reporter erfuhr, daß jeder meiner Schuhe zehn Kilo Blei enthielt. So wußte ich’s auch und trampelte mühsam zum Abgrund. Im Taucheranzug ist die Luft nicht sehr gut und ziemlich dünn. Unter Wasser mußte ich feststellen, daß es so gut wie keine gab. Als ich am Boden war, sah ich nur Steine, einen alten Scheuereimer und ein verbogenes Brillengestell. Ich zog an der Leine und wurde hochgehievt. "Wo sind die Rohre?" fragte ich. "Die müssen hier liegen." Ich fuhr nochmals nach unten. Aber die Rohre waren nicht da. Ich zog die Leine. Weiteres siehe oben. Als ich so an die zehnmal rauf- und runtergefahren war und gerade wieder auftauchte, stand der Direktor da. "Haben Sie die Dinger raus?" fragte er mich. "Nein", sagte ich und zeigte mit dem Schweißbrenner auf seinen Bauch, daß ihm der Schlips ansengte und er hastig zur Seite sprang, "sind keine mehr da.’ Man wurde sich einig, daß die Rohre zur Mitte des Flußbettes gerollt sein würden. Der Kahn fuhr zur Mitte und ankerte. Inzwischen gab ich dem Reporter meine Unterwassereindrücke. Er war sichtlich beeindruckt von der vielgestaltigen Fauna, die ich ihm beschrieb. Man ließ mich abermals hinunter. Hier war’s schon tiefer,, sehr finster und sehr ungemütlich. Die Strömung schob mich über das Geröll, und die Stangen waren nicht da. Der Fisch, den ich zu Mittag gegessen hatte, machte sich bemerkbar. Ich zog die Leine. "Wasser", rief ich, als man mich aufgeschraubt hatte. "Um Gottes willen, ist der Anzug nicht dicht?" wollte der Direktor wissen. Vom Reporter erfuhr ich, daß es zehn Minuten nach fünf Uhr war. "Dann mache ich jetzt Schluß", sagte ich zum Direktor. "Aber keinesfalls", ereiferte sich dieser, "die Rohre müssen heute noch gehoben werden."