Von Fritz Usinger

Als Henry Benrath am 11. Oktober 1949 in Magreglio am Comer See starb, warm schon neun Jahre vergangen, seitdem sein letztes Buch erschienen war. 1940 hatte die "Kaiserin. Theophano" die Reihe der drei großen Kaiserinnenromane abgeschlossen. Die Schlußphase des Krieges und dann seine Nachwirkung machten den Druck weiterer Werke unmöglich, und auch der Dichter lehnte es ab, in eine Welt solcher Verwirrung seine Bücher hinausgehen zu lassen. Erst im Jahre 1949 willigte er in die Publikation.

So wird nun eine größere Reihe von Werken in die Welt hinaustreten und die Leser früherer Bücher prüfen, wie weit sie dem Wesen des Dichters nahegekommen sind und sich seinen Intentionen eröffnet haben. Denn nach den umfangreichen Bänden der früheren Jahre gelangen diese späten Werke zu immer konzentriertem, knapperen künstlerischen Formen, zu einer immer strengeren Dichte der Aussage. Bis jetzt sind drei davon erschienen (alle in der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart). Der Band "Stoa" enthält alle Gedichte aus den Jahren 1920 bis 1933. Auch "Der Gong" ist ein Versbuch, und zwar ein Kreis von vier großen, mehrfach untergeteilten Elegien, Sie fassen – darin den "Duineser Elegien" vergleichbar – die höchsten Lebenseinsichten des Dichters in einer mächtigen Verbindung von Bild und Gedanken zusammen. Der dritte schließlich, "Unendlichkeit", ist die öffentliche, vereinigte Ausgabe der während dies Weltkriegs im Jahre 1942 als Sonderausgaben gedruckten Bücher "Leukas Petrae" und "Nirwana", wobei nur der Titel des ersten in "Delphoi" umgeändert wurde, weil dieses Wort einen klareren Gegensatzbegriff zu "Nirwana" bildet und dadurch, das Thema des Buches deutlicher in Erscheinung tritt: die geistige Verbindung von Griechenland und Indien.

Und damit sind wir bei jenem geistigen Ereignis in der Entwicklung des Dichters angelangt, das manchen seiner früheren Leser in Erstaunen setzen wird. Wie kann ein so der Welt zugewandter und der Schönheit verpflichteter, ein so weltmännischer Mensch dazu kommen, seine höchste Lebensform in einer Hinwendung zu der Idee des Nirwana zu finden?

Wohl schlagen auch die drei Kaiserinnenromane dieses Thema an, aber sie geben es nicht unmittelbar als Begriff, sondern nur mittelbar in der Figur der dargestellten Leben, wodurch die Endgültigkeit dieser radikalen Entscheidung vielleicht nicht so deutlich wird. Doch darf man nicht übersehen, daß in jedem dieser Romane ein großer Mensch über das Hin und Her der geschichtlich-politischen Ereignisse hinauswächst und nun mit den irdisch nicht gebundenen Kräften seines Herzens und Geistes einen höheren Partner anzusprechen bereit ist, und sei dieser Partner auch nur die Antwortlosigkeit eines göttlich nicht zu fixierenden Weltalls. An diesem Punkt der Romane setzt das Nirwana-Gefühl ein, das Gefühl des Erhobenseins über das wirre Hin- und Herzucken irdischer Energien, des Erhobenseins in eine Sphäre der Stille, des ewig Gleichen, wo nichts mehr "geschieht". Man mag geneigt sein, diesen Zustand in eine Beziehung zu setzen zu dem in der Mystik gewonnenen. Der Unterschied dürfte darin bestehen, daß der Mystiker bereit ist, seine aus der Versenkung in Gott gewonnenen Energien immer wieder im Alltag des Lebens einzusetzen, während der dem Nirwana sich Nähernde nicht mehr zurückkehrt.

In dem Leben Henry Benraths gab es drei menschlich-künstlerische Krisen entscheidender Art, die um die Jahre 1907, 1930 und 1940 zentriert sind. Das Jahr 1907 ist das Jahr der künstlerischen Berufung, des "Überschwingens des Erlebten in das Künstlerische", und fand seinen Ausdruck in der Versdichtung "Tristan und der Künstler". Das Gesetz dieses Künstlertums ist das der Notwendigkeit, gültig in der dichterischen Form wie in der Schicksalsgestalt des Lebens. Um 1930 verdichtet sich dieses Lebensgefühl zu dem einer neuen Stoa, die, im Gegensatz zu der antiken Stoa, nicht Lehre, sondern nur Haltung ist. Sie verzichtet auf alle dynamischen Durchbrechungen des Weltgleichgewichts, auf alle Versuche einer Umformung der Welt, aus dem Wissen, daß nicht der Mensch das Maß aller Dinge ist, sondern der kosmische Zusammenklang, das Ober-Menschsein, das Über-Sein, sagen wir: Gott. Das Reich des Menschen ist das Reich des Bedingten, des Bruchteils, und alles, was von der menschlichen Vernunft oder Unvernunft als Unbedingtes statuiert wird, ist auch nur ein Bedingtes. Gott ist die unbegreifliche Verbindung von Sein und Nichtsein, aus der heraus die Welt ewig und unerschöpflich blüht. So steht Henry Benrath die Rose als göttlicher Ausdruck des Schöpfungswunders im Range ebenso hoch wie der Mensch. Sie ist für ihn einer der tiefsten Unterweisungen seines Lebens gewesen und hat ihn als höchstes Daseinszeichen bis zu den äußersten Stationen seiner Existenz begleitet.

Bedeutete "Stoa" für den Dichter – wie er es oftmals nannte – den "stufenlosen Vollzug", die Existenz auf einer Ebene, wo der Blick nur zum Horizont geht, wie es in dem neuen Gedichtbuch "Stoa" dargestellt ist, so bringt das Jahr 1940 eine nochmalige Erhebung über diese Ebene, das Erlebnis des Nirwana, das Aufsteigen des Bewußtseins zu einer höchsten Überschau über dfese Welt des Bedingten und des Bruchteils, in eine Welt des Unbedingten, der göttlichen Unendlichkeit. Darum trägt auch das eine der neuen Bücher den Titel "Unendlichkeit", worin sich ausspricht, daß hier eine antike Grenze überschritten wird, aber nicht etwa, um den Schritt in ein Jenseits zu wagen. Für Benrath gibt es kein Jenseits, sondern nur Positionen des menschlichen Geistes und dadurch gewonnene menschliche Haltungen. Sein und Nichtsein, Gestalt und Nichts, Apollon und Nirwana bilden zusammen die Welt.