Er möge den Begriff "Vorposten" für Berlin nicht, sagte Bundespräsident Heuss, als das Inkrafttreten der neuen Berliner Verfassung am Sonntagmorgen in Berlin gefeiert wurde. Die Stadt könne unmöglich am Rande der Entscheidungen stehen, sie sei immer Mitte, heute genau so wie in der Vergangenheit. Diese Äußerung war nicht nur eine Verbeugung des Berliner Ehrenbürgers Heuss vor der unablässig bemühten Stadt. Sie war zugleich eine Erklärung des deutschen Staatsoberhauptes dahingehend, daß Berlin zwar noch nicht formal, aber praktisch nunmehr zum zwölften Land der Bundesrepublik geworden sei. Die Artikel zwei und drei der neuen Berliner Verfassung, die vom Land Berlin handeln, sind zwar von den Alliierten mit Rücksicht auf die internationalen Bestimmungen vorerst noch suspendiert, aber sämtliche anderen Artikel gleichen die Stadt von nun ab völlig dem Status der Bundesrepublik an. Wenn bei der Verfassungsfeier – gleichfalls aus formalen Gründen – die Hohen Kommissare auch nicht zugegen sein konnten, so zeigten die Anwesenheit der drei Berliner Stadtkommandanten und die betonte Deutlichkeit, mit der ihr Sprecher, der britische General Bourne, die New Yorker Sicherheitsgarantie für Berlin unterstrich, klar genug, welche Stellung die Westalliierten zu Deutschlands Hauptstadt einnehmen. Berlins Stadtverordnetenvoesteher konnte daher auch mit der wirklich ehrlich gemeinten Feststellung antworten: "Berlin dankt seinen Alliierten."

Der Festakt, durch den die Berliner Verfassung in Kraft gesetzt wurde, war verbunden mit der Eröffnung der Ersten Deutschen Industrie-Ausstellung; so zeichnete sich die gesamtdeutsche Rolle der verhinderten Hauptstadt besonders augenfällig ab. Denn die wirtschaftlichen Impulse, die von dieser wohl imponierendsten Leistungsschau Deutschlands nach dem Kriege ausgehen, wurden durch die besonderen Energien Berlins noch vielfach verstärkt. In solchem Sinne war die Abschiedsrede des bisherigen ERP-Administrators Hoffman angesichts des Marshall-Hauses auf dem Berliner Ausstellungsgelände gut am Platze, denn, die Verbundenheit der deutschen Nachkriegsleistung mit den Vorleistungen durch den Marshall-Plan, hat auf dem gefährdeten Boden Berlins seine besondere Bedeutung gehabt. In seiner Rede überbrachte Hoffman der Stadt Berlin auch eine Botschaft von Präsident Truman, die den einmaligen Charakter des Berliner Widerstandes hervorhob. Daß auch der britische Handelsminister anläßlich der Ausstellung in Berlin war, Glückwünsche und anerkennende Worte von Außenminister Bevin überbrachte und hier mit Professor Erhard den neuen deutsch-englischen Handelsvertrag unterzeichnete, daß die Wirtschaftsminister der Bundesrepublik sämtlich anwesend waren, daß gleichzeitig der Bundesverband der Industrie hier eine Zusammenkunft abhielt, daß auch, der erste deutsche Weltwirtschaftstag seit Kriegsende sich in Berlin zusammenfand, daß eine ganze Reihe anderer wirtschaftlicher Fach verbände die Gelegenheit der Deutschen Industrie-Ausstellung nutzte, die Berliner wirtschaftliche Position zu überprüfen – dies alles gab der Bedeutung der festlichen Tage einen besonderen Glanz.

Zur gleichen Zeit, da diese Ausstellung eröffnet wurde, die sicher von vielen Tausenden, aus der Sowjetzone besucht wird und ihnen ein Bild von der kulturellen und politischen Macht des Westens vermitteln wird, spielten sich in der Bundesrepublik Versuche von FdJ und sowjetzonaler Volkspolizei ab, bolschewistische "Friedenstreffen" zu veranstalten. Unter dem Zugriff der Polizei brachen sie überall trotz vorherigen großmäuliger Ankündigungen kläglich zusammen. Welch erbärmliches Manöver der bolschewistischen SED, die dem Aufbauwillen des Westens nur nihilistische Sabotageversuche entgegenzustellen weiß! K.W.