Zu Friedrich Grieses 60. Geburtstag

ntscheidend bleibt, wozu der Mensch gelebt hat; aber bestimmend für ihn ist, wovon er lebte. Wichtig ist, was er im Leben vorhatte; grundlegend aber war, wovon er sein Leben nährte." Man darf dieses Wort auf den anwenden, der es schrieb: Friedrich Griese. Daß die Stadt Lübeck den Dichter einlud, den 2. Oktober, seinen sechzigsten Geburtstag, unter Freunden in ihren Mauern zu verbringen, mag ihm als Bestätigung einer Gewißheit gelten, die ihn vor der Gefahr intellektueller Fehlleistungen bewahrt hat. Er faßt diese Gewißheit in das Bild der ständigen Heimkehr in das "alte Dorf": "Es gibt eine einfache Feststellung für mich. Sozusagen zwangsläufig habe ich in Abständen zu Stoffkreisen zurückkehren müssen, die sich in der einen oder anderen Art wiederholen. Zuweilen handelte es sich um ein Gebiet, das ich aus äußeren Gründen lieber hätte beiseite lassen sollen."

Das ist deutlich gesagt. Nun, die letzte "Rückkehr" geschah nach 1945. Das Dorf Velgen über Ebstorf im Landkreise Uelzen bot dem aus seinem Mecklenburg vertriebenen Dichter den Wind und die Wolken, die brausenden Wälder und die so geliebten leeren Feldwege, ein Netz der vielfältigen Beziehungen neu über all dem zu knüpfen. Es bot auch die Armut einer kleinen Mansardenwohnung, die Ausschau nach dem Geldbriefträger, die Angst um das notwendig zum Leben Benötigte, das Geld für die monatliche Miete von 40 Mark zum Beispiel. Für einen Mann, der zu Zeiten in einem Jahre 45 000 Mark Einkommensteuer aus den Erträgnissen seiner Schriftstellern gezahlt hatte, darf eine solche Begegnung mit der grauen Frau Sorge von Bedeutung sein. Er darf auch gefragt werden, ob der Lebensgrund, auf dem er stand, stark genug war, um jetzt noch zu tragen.

In den Monaten nach der Währungsreform, als es den deutschen Schriftstellern und gerade denen, die einen Namen hatten, besonders schlecht erging, fuhr ich zum erstenmal nach Velgen. Hier war kein alter Mann, der gern geliebten Erinnerungen hätte leben wollen, hier war einer, der aus dem Abenteuer seiner jähen Einsamkeit neu zum Sprung in die Welt des Schaffens ansetzte. Und er stand auch zu seinen Beschwerden: Im Nachwort einer Übertragung von Thyde Monniers Roman "Blut und Wein" hatte der deutsche Übersetzer gerade geschrieben, "man dürfe die französische Dichterin nicht mit den Blubo-Schriftstellern von der Art eines Blunck oder Griese verwechseln". Der Affront wurde bitter und als wenig dankbar empfunden. Aus der Parchimer Villa – ein (russischer "Kulturoffizier" hatte den Dichter, nachdem dessen Frau Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hatte, persönlich aus dem Internierungslager in Neubrandenburg zurückgeholt in einem Augenblick, als der Mensch Griese sich bereits hatte fallen lassen wollen – waren trotz aller betonten Freundlichkeit der neuen Herren vom "Kulturbund" nur ein Rucksack voller Wäsche, ein paar Gerätschaften und ein paar Koffer voller Besprechungen und Bücher mit über die Grenze gekommen. Auch ein Brief des jetzigen Verlegers von Thyde Monnier war dabei aus "jenen Tagen", in dem Griese aufgefordert wurde, sich "als Mann mit eigenen Ansichten und Einsichten" für Hans Fallada einzusetzen, dem es damals schlecht ging.

"Mein Name wurde vor 1933 gemacht" – aus dem großen Koffer quellen das "Tagebuch", die Frankfurter Zeitung, englische, amerikanische, schweizerische Blätter hervor: "Ich habe bald nicht mehr daran gedacht oder denken müssen, daß man Bücher auch schreibt, um damit Geld zu verdienen." Die Auflagen überschritten schnell die Million. Die Dramen wurden Serienerfolge. 1928 gab es die ersten Literaturpreise, auch den Preis des preußischen Kultusministeriums, der zwei Jahre später an den als verwandt empfundenen und bewunderten Barlach verliehen wurde.

Der heute spricht ist in der Velgener Man sarde der gleiche sichere Mann wie im Herrenzimmer der Parchimer Villa. Der Sturm, der die Oberfläche aufwühlte, ließ den See unversehrt zurück. In den letzten fünf Jahren erschienen einige Neudrucke: "Das Korn rauscht", ein Bändchen mit Erzählungen, der "Winter", die "Wagenburg", in diesem Herbt noch kommt, im alten Verlage auch wieder, das "Kind des Torfmachers" hinzu Die Lebensbeichte der "Dörfer der Jugend" erschien 1947 aus der Erfahrung der äußersten Bedrohung im russischen Lager. Darin bestätigte Griese sich selbst seine magische Schau: "Ich habe das alles nicht deshalb genannt, um in einer sehr unruhigen Zeit noch einmal an einem hundertjährigen Märchenschlaf teilzunehmen ... Allein mit den Dingen der Erde ist jeder Mensch so viel wert, wie die Einsamkeit wert ist die er zu empfinden vermag." Und da steht dann auch jener fordernde Satz: "Hütet, hütet euch vor den begrabenen alten Göttern."

Seit einem halben Jahr ist der neue Roman vom "Zug der großen Vögel" beendet. Es wird weiter noch "viel Frucht in den Furchen der Armen" sein. Walter Schröder