Die national orientierte deutsche Geschichtsschreibung der letzten Jahre hat Eberhard von Vietsch in seinem Buch "Die Tradition der großen Mächte" (Union Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart) weit hinter sich gelassen, obgleich auch er mit deutschem Gelehrtenblick auf die Geschichte und ihre Kräfte sieht. Der Leitstern seiner Sicht, die an manchen Stellen tiefer ist als die umfassende Verbindlichkeit Toynbees, und präziser als die von Ereignis zu Ereignis geistvoll springende Betrachtungsweise Ortega y Gassets, ist eine Idee. Eine Idee aber birgt zugleich Lichtblicke und Gefahren. Unter ihrem Leuchten kann man Geschichte enträtseln und zugleich vergewaltigen. Vietschs Buch aber ist im großen und ganzen das gute Beispiel einer solchen ideengeschichtlichen Betrachtung.

Die Konzeption ist großartig genug: Die Großmächte des.Westens (Frankreich, England und die USA), der Mitte (Preußen-Deutschland) und des Ostens (Rußland) sollen im Lichte ihrer geistigen Tradition gesehen werden: nur von dort her – sagt Vietsch – ist ihre Politik verständlich. Für den Westen ist diese Tradition die katholische Scholastik. In Deutschland aber steht Luther auf: seine Predigten dringen durch die katholische ratio in das Gewissen. Und das Gewissen wird das Fundament der deutschen Tradition. Rußland dagegen übernimmt das Erbe von Byzanz. Die byzantinische Kirche aber hat die allgemeine Verbindlichkeit der katholischen Kirchenväter und auch die Rufe des Mönchs aus Wittenberg an Gott abgelehnt und dafür einen blinden Glauben gesetzt, Vietsch versucht nun die Geschichte in den Blickpunkt dieser Ereignisse zu rücken. Und dann zeigt sich: Geschichte ist kein blinder Zufall. Sie ist aber auch keine mit naturwissenschaftlichen Notwendgikeit ablaufende Kette von Ursache und Wirkung – sie ist vielmehr abhängig von Männern wie Thomas von Aquin oder Luther – will sagen: von der Tradition, die von ihnen ausgeht.

Freilich paßt dieses Schema nicht immer. So zum Beispiel nicht für England, wo – nach Vietsch – die Geschichte eines nicht-katholischen Landes dennoch vom katholischen Universalismus abhängig ist. Dagegen erklärt Vietschs Theorie vieles in der französischen Politik: Die Franzosen haben immer europäisch gedacht, und selbst ihr Sicherheitsgefühl ist ein typisches Produkt der scholastisch ausgleichenden Vernunft. Diese; Sicherheitsgefühl hat sie davon abgehalten, eine Weltmacht zu werden. So hat Ludwig XIV. gern amerikanische Besitzungen von riesigem Ausmaß für Metz, Straßburg und Verdun aufgegeben und so hat die französische Republik bei Faschoda 1898 in Ägypten ihre Flagge niedergeholt und den Sudan den Engländern überlassen, nur um die angestrebte Entente England–Frankreich–Rußland nicht zu gefährden.

Das eindrucksvollste Kapitel aber ist die Schilderung der russischen Geschichte am Leitfaden der byzantinischen Tradition. Sehr eindringlich wächst die Darstellung über den eigentlichen Zweck – den Nachweis eines bestimmten Traditionsstroms in der russischen Geschichte – hinaus zu einer packenden Analyse des Russentums überhaupt. Der Verfasser legt dar: Die byzantinische Tradition kannte nur den blinden Glauben an Gott. Noch Dostojewskij sieht in den Bemühungen der anderen christlichen Konfessionen den Glauben durch Erklärungen und Philosophien zu stützen ein "antichristliches" Bemühen. Infolgedessen gibt es in Rußland keine "Staatsidee". Es gibt nur das "Land", das man liebt und den Zaren, der niemandem für seine Regierung verantwortlich ist. Die russische Außenpolitik hat deshalb vor Katharina der Großen überhaupt keine bestimmte Linie gehabt und war von der Willkür und den Einfällen der einzelnen Herrscher bestimmt. Erst seit die deutsche Prinzessin im Jahre 1764 den Thron bestiegen hatte, tauchten scheinbar konstant bleibende russische Ziele auf: zum Beispiel der Wunsch nach einem Zugang zur Ostsee oder nach der Kontrolle über die Dardanellen. Und doch wurden auch diese Ziele noch oft genug umgestoßen – schon der Sohn Katharinas, Zar Paul, läßt sie aus persönlicher Rachsucht gegen seine Mutter fallen;

Gegen diese russische Wirklichkeit, die kein Bürgertum kannte und keine Stadtluft die "frei macht", sondern nur das Land und den Gehorsam, sind auch Marxismus und Bolschewismus vergeblich Sturm gelaufen. Schon Spengler hat diese Ansicht im "Untergang des Abendlandes ausgesprochen. Aber von Vietsch sieht hier die Dinge realer als der auch von einer Idee begeisterte Spengler. Hatte dieser das Ende des Bolschewismus vorausgesagt, so weist Vietsch auf die weitgehende Assimilierung des Bolschewismus an die russische Tradition hin. Die Wiedereinsetzung des Patriarchen von Moskau und vor allen Dingen die nationalrussische Komponente im Kommunismus sind Zeichen dafür. Schließlich wird aber auch deutlich, daß alle Verhandlungen des Westens mit der Sowjetunion heute nicht nur deshalb so schwierig sind, weil es sich um die Sowjetunion, sondern auch weil es sich um Rußland handelt. Denn der westlich-abenländischen Politik ist nicht nur der Bolschewismus fremd sondern auch die byzantinische Tradition.

Im ganzen gesehen ist dieses Buch ein klärender Beitrag zur gegenwärtigen europäischen Situation, gleichzeitig aber auch eine eindringliche Warnung an ein Zeitalter, das mehr und mehr geneigt ist, geschichtliche Abläufe von technischen Erfindungen abhängig zu machen, und dabei die geistigen Strömungen der Menschheit übersieht, die immer noch der erste Grund für Glück oder Unglück des einzelnen und der Völker sind.

P. Hühnerfeld-