Frankfurt, im Oktober

Ernst Nebhut und just Scheu haben uns erst vor wenigen Monaten den köstlichen "Mann mit dem Zylinder" geschenkt. Jetzt kommt uns Nebhut tiefsinnig, und Just Scheu beeilt sich, den Tiefsinn seines Freundes wirksam in Szene zu setzen. Schauplatz: das neugegründete Boulevardtheater am Roßmarkt, im ersten Stock der Buchhandlung Amelang. Das Theater ist klein und niedrig (für etwa 120 Personen) und hat unter der Bezeichnung Neues Theater Frankfurt eine kurze, aber um so üblere Vergangenheit. Der neue Direktor, Helmut Kollek, vorher Oberspielleiter in Darmstadt, war bemüht, den schlechten Eindruck, den sein Vorgänger Meye hinterlassen hatte, zu verwischen. Das nicht nur in Frankfurt angesehene Autoren-Paar Scheu–Nebhut schien ihm dafür besonders geeignet. Aber das Stück, Die Vergessenen, bewies, daß die Rechnung künstlerisch nicht aufging. Denn Nebhut, metaphysisch und moralisch geworden, versuchte krampfhaft, Substanz vorzutäuschen, wo nur die doppelten Böden hohl schepperten.

Im Mittelpunkt steht Jack the Ripper, biederer Bürger und Mörder (Lustmörder) in eins. Aber bei dramaturgischer Unzulänglichkeit und lederner Literatensprache mißlingt Nebhut das dramatische Experiment. Die Figuren sollen wohl etwas bedeuten, aber sie sind gar nichts, man könnte ebensogut Stoffpuppen auf die Bühne setzen, stellen oder legen.

Scheu konnte, zumal das Ensemble sehr unterschiedlich ist, die Aufführung nicht retten. Schließlich langweilte man sich, nicht etwa, weil man moralisch zu abgebrüht wäre, um den metaphysischen Anruf Nebhuts zu verstehen, sondern weit der Lustmörder auf der Bühne so farblos war, daß man jegliches Interesse an ihm verlor. Selbst ein Mord unmittelbar hinter der Bühne rang dem Zuschauer nur noch ein müdes Lächeln ab.

Heinz Friedrich