Als Henri Demant 1859 angesichts des Elends der Verwundeten auf dem Schlachtfeld von Solferino den Gedanken einer die Heere und die Völker überwölbenden Hilfsorganisation faßte, konnte er noch nicht ahnen, daß hundert Jahre später seine Gründung, das "Rote Kreuz", in den Ruf kommen werde, eine Institution des Militarismus zu sein. Aber gerade das geschah nach 1945 lösten zwei Besatzungsmächte an ihren Zonen das Deutsche Rote Kreuz aus diesem Grunde (oder doch unter diesem Vorwand) auf. Auch in der amerikanischen und der britischen Zone, wo die Weiterarbeit im Rahmen der Länder zugelassen wurde, mußte man – ohne Mitgliederlisten, ohne Subventionen, ohne Eigentum an Häusern und Heimen – ganz von vom anfangen, und erst jetzt, da die Verteidigung Europas zur Diskussion steht, kann eine Zusammenfassung für die Bundesrepublik erfolgen. Mitte Oktober wird am Rheinweg in Bonn das Deutsche Rote Kreuz Arbeitsräume beziehen, mit einem Präsidium, das die Verbindung zum Internationalen Roten Kreuz pflegen, und einem Präsidialrat (unter Leitung des früheren Oberpräsidenten der Rheinprovinz, Dr. Hans Fuchs), der die Arbeit in den Ländern koordinieren soll.

Als Präsident wird Dr. Otto Geßler von der Wagmüllerstraße in München, wo er seit einem Jahr das Bayrische Rote Kreuz (das an Mitgliederzahl und Ausstattung kräftigste) dirigierte, nach Bonn übersiedeln. Das Come-back des Fünfundsiebzigjährigen vollzieht sich ohne Pomp und Geräusch, eher mit der bedächtigen Umsicht, die für Otto Geßler charakteristisch ist und die ihn vor dreißig Jahren, nach dem Zusammenbruch des Kapp-Putsches, als den geeignetsten Mann für das heikelste aller Ministerien der Weimarer Republik erscheinen ließ: das Reichswehrministerium.

Geßler wuchs im bayrischen Schwaben auf, wo sein Vater Gutsverwalter beim Grafen Quadt war. Den liberalen, protestantischen Juristen am Münchener Gewerbegericht holte sich 1910 das Regensburger Gemeindekollegium als Oberbürgermeister; doch schon 1913 stellte Nürnberg den Achtunddreißigjährigen an die Spitze seiner Stadtverwaltung. Ein Mann mit der Gabe, den Ausgleich zu finden, ein Praktiker des Kompromisses und der mittleren Linie, ein Organisator. 1919 verhinderte seine Energie, daß die Münchener Räterevolution auf Nürnberg übergriff. Dieser Erfolg machte im für die Demokratische Partei "ministrabel": im Kabinett Bauer, das dann durch den Kapp-Putsch auseinanderfiel, wurde er Minister für Wiederaufbau der zerstörten Gebiete. Nach dem Putsch mußte Noske, durch die rebellierende Generalität kompromittiert, ausscheiden. Geßler übernahm das Amt und führte es acht Jahre in dreizehn Kabinetten – ein Rekord der Weimarer Epoche. Der süddeutsche liberale Zivilist entpolitisierte immerhin für eine kritische Zeitspanne das 100 000-Mann-Heer und löste es aus dem Spiel der Parteien. Auf längere Sicht konnte auch er den durch Schleicher vertretenen Tendenzen, alle parlamentarische Kontrolle auszuschalten, nicht vorbeugen, und so geriet er mehr und mehr zwischen die Mühlsteine – den Militärs als Zivilist, den Parlamentariern als "Fachminister", der sich von seiner Partei getrennt hatte, suspekt. 1928 hinterließ er das überlastete Erbe dem süddeutschen liberalen Militär Groener, dem es damit noch übler ergehen sollte als ihm.

Seine Ehrenämter in der Kriegsgräberfürsorge, im Verein für Deutschtum im Ausland, in der Freiwilligen Krankenpflege wurden dem durch Liberalismus Belasteten 1933 entzogen. 1944 vermutete der SD in ihm einen Mitverschworenen des 20. Juli und unterzog ihn im KZ Ravensbrück dem dritten Grad der Vernehmung. 1945 im Herbst entließ die amerikanische Militärregierung den bayrischen Ministerpräsidenten Dr. Fritz Schäffer, weil er den "durch Militarismus Belasteten" als Privatsekretär eingestellt hatte.

Bisweilen schwanken eben nicht die Männer, sondern die Meinungen über das, was die Männer hätten tun sollen. Das ergibt dann das Auf und Ab von Schicksalen und macht, wenn das Gleichgewicht wieder da ist, Come-backs möglich.

Lewalter