Der deutsche Kohlenmarkt hat sich sprunghaft verändert: Das schon bedenkliche Anwachsen der Haldenbestände an unverkäuflich gebliebenen Kohlen und Koks bis über 2 Mill. t zum Juli / August hat einer raschen Räumung Platz gemacht. In diesen Tagen wird die 500 000-t-Grenze unterschritten werden, da nach wie vor täglich etwa 35 000 bis 40 000 t Kohle mehr verkauft als gefördert werden. Die Förderziffern sind demgegenüber kaum verändert, zeigen aber eine leichte Tendenz der Erhöhung.

In diese unerfreuliche Lage platzt die vierte Forderung nach Lohnerhöhungen für Bergarbeiter, die seit Kriegsende bereits dreimal ihre Stundenlöhne (1946 um 20 v. H., 1948 um 15 v. H. und 1950 um 9 v. H.) erhöhen konnten. Im Frühjahr 1950 versicherten die Gewerkschaften, daß die 3. Lohnerhöhung durch eine Mehrleistung vor der Kohle wettgemacht werden würde, eine Behauptung, die sich als nicht stichhaltig erwiesen hat. Die Schichtleistungen können noch keineswegs als ausreichend angesehen werden. Über den Grund des Zurückbleibens sind sich die Zechenleiter nicht ganz im klaren; viele neigen dazu, es durch politisch-negative Einflußnahme von außen her erklären zu wollen. Oder ist es das Wohnungsproblem? Die Fehlschichten liegen jedenfalls zu hoch. Andererseits muß festgestellt werden, daß mehr als die Hälfte der Zechen die letzte Lohnerhöhung innerlich verkraftet haben, daß gegenwärtig etwa 25 v. H. des Kohlenbergbaus (auf die Förderung bezogen) durchaus wirtschaftlich und gewinnbringend arbeiten, rd. 55 v. H. um die Plus-Minus-Null-Grenze schwanken und "nur" rd. 20 v. H. nach wie vor Verlustbetriebe sind.

Die Deutsche Kohlenbergbauleitung, die man richtiger Kohlenbergbauverwaltung nennen sollte, glaubt, als ein Mittel zur Produktionssteigerung u. a. ihren Neuordnungsplan, den sie dieser Tage den Alliierten zur Begutachtung übergeben hat, anführen zu können. Kernstück des Plans ist die schematische "Zwangsbereicherung" der guten und rentablen Zechen mit den meist sehr weit entfernt liegenden Verlustbetrieben aus der Südzone des Kohlenbeckens, In zahlreichen, sehr repräsentativen Fällen dürfte man sich außerdem mit dem Grundsatz der "Selbständigkeit der Kohle" zu fest verankert haben, so daß die OKBL-Konstruktion einen überwiegend unelastischen und den natürlichen Verbund einengenden Eindruck macht.

Die Gründe liegen an sich nur in der "Parität". Fachlich und volkswirtschaftlich gesehen ist nämlich die Parität in der DKBL zu einem Negativum geworden, weil sie zugleich das Zurückdrängen unternehmerischer Weitsicht bedeutet hat. Wir sind davon überzeugt, daß – wären die Kohlenzechen noch in der Hand vieler weitblickender Ruhrindustrieller verblieben – statt einer schematischen Neuordnung eine organische Konzeption herausgekommen wäre, die nach dem volkswirtschaftlich richtigen Prinzip verfahren würde, nämlich: langsame Stillegung der unrentablen Zechen, dafür Einsatz der für sie als Subvention und zu technischer Erhaltung aufzuwendenden Millionenbeträge in den guten Zechen, um deren Förderungskraft zu erhöhen; gleichzeitig Umsiedeln der von Fall zu Fall freiwerdenden Bergarbeiterfamilien aus den Notgebieten des Südens in die reiche Kohlengegend des Nordens und eine weitsichtige Erhaltung der produktiven Gesamtsubstanz.

Zwei Äußerungen, die Jahrzehnte auseinanderliegen, sollten den derzeitigen Verwaltern der Kohle zu denken geben! Der Vorsitzende der Britischen Kohlenkontrolle, Collins, sagte bei seinem Abschied: "Der deutsche Bergbau ist gut organisiert. Seine Verbundwirtschaft gewährleistet die beste Ausnutzung der deutschen Kohlevorkommen. Ich betrachte das Prinzip der Verbundzechen unbedingt als einen Bestandteil unserer Auffasung von modernen Bergbaumethoden." – Und vor seinem Tode sagte August Thyssen: "Der Bergbau ist das Fundament der Verbundwirtschaft. Ihr auf den Hütten, chemischen Werken, Werften und Maschinenfabriken sorgt in den Zeiten, da es euch gutgeht, für diese Grundlage. Dann ist der Bergbau in der Lage, euch mit den Reserven der Natur in der Krise zu helfen."

Wir fürchten, daß der aus der Parität der Interessengegensätze geborene Kompromiß in Kohle der deutschen Volkswirtschaft eine zu scharfe Trennung zwischen Kohle, Energie und Eisen bringt. Dies wäre eine "wirtschaftswissenschaftliche Fehlplanung", die in den nächsten dreißig Jahren die industrielle Lage Deutschlands schwer beeinträchtigen kann. Es wird zu leicht vergessen oder übersehen, daß, wie Generaldirektor Dr. Roelen uns in einem Gespräch dieser Tage einmal sagte, die Kohle der ökonomische Angelpunkt ist für die Energie (in Form von Dampf, Gas und Elektrizität), für die Kohlechemie und -veredelung (in Form der Kohlenwertstoffe wie Benzol, Teer usw.) und für das Eisen, um Stahl zu machen.

Es scheint, daß man die Vorteile vernünftigen Verbunds aus politischen Gründen übersehen will. Der Preis dafür wird dann eine Erhöhung der Kohlenpreise sein. Kommt sie, dann wird sie auch eine etwa 10prozentige Lohnerhöhung im Bergbau abwerfen. Reichelt