Drei Jahre lang – vom Beginn des Polenfeldzuges bis zu Amerikas aktivem Eingreifen in die Weltkatastrophe – war Deutschland noch in das Spiel der internationalen Diplomatie eingeschaltet. Dann hatte der Krieg aufgehört, eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln zu sein. Er war zur mathematischen Rechenaufgabe geworden. Die Bankrotterklärung der deutschen Außenpolitik traf Ernst von Weizsäcker nicht unvorbereitet. Allein er blieb, ein Kavalier zwischen Tod und Teufel, auf der Brücke eines Schiffes, daß sich mit rasender Fahrt dem Abgrund näherte, um Schlimmeres zu verhüten. Die heutigen Veröffentlichungen sind der stark gekürzte Extrakt aus mehreren Kapiteln seiner Lebenserinnerungen. Sie sind den letzten Versuchen gewidmet – eben in den Jahren zwischen 1939 und 1942 – einen Frieden der Vernunft zu errichten. "Die Zeit" beendet damit den Vorabdruck aus dem demnächst im Paul List Verlag, München, erscheinenden Buch.

Hitler hatte mit dem Moskauer Pakt den Rubikon überschritten. Er war ja kein Mann der Logik oder der Raison. Manche meinten, er folge den Einflüsterungen irgendeines Seni oder auch denen seines Leibphotographen Hoff mann und sonstigen Unterpersonals. Daher vielleicht der seltsame Zickzack seiner Absichten: am 22. August zeigte Hitler in einer Ansprache an die Generale sich fest entschlossen, den Krieg in wenigen Tagen zu eröffnen, gleichgültig, ob er lokalisiert bleibe oder nicht; am Tage darauf rechnete er mit der Lokalisierung, er könne aber auch einen europäischen Krieg führen; am 24. August schwankte er, ein Zweifrontenkrieg schien ihm wieder bedenklicher und er traute der italienischen Gefolgschaft nicht; am 25. mittags nahm er die Westmächte mit in Kauf; am 25. abends zog er den schon erlassenen Angriffsbefehl zurück aus Angst, England werde doch marschieren, Italien aber nicht. Am 31. August ist ihm beides wieder gleichgültig; er befiehlt den Angriff auf Polen, obschon er weiß, daß sich nichts geändert hat, nämlich, daß Italien abseits stehenbleibt und England die Hilfe an Polen fest versprochen hat. Am 3. September schließlich bei der britisch-französischen Kriegserklärung ist Hitler überrascht und zunächst ratlos; das hat mir der Dolmetscher Paul Schmidt bestätigt, der die Meldung an Hitler überbrachte.

Friedensbemühungen 1939/40

Der Krieg mit dem Westen kam nicht schnell in Gang – der französische Kampfwille war offensichtlich schwach.

Eine Westoffensive des deutschen Heeres hat bekanntlich im Winterhalbjahr 1939/40 immer wieder verschoben werden müssen, und zwar aus Gründen, die mit Politik nichts zu tun hatten. Irgendwann in diesem Winter hatte ich den Chef von Hitlers Wehrmachts-Führungsstab, Jodl, getroffen, und schien mir mit ihm darin einig, daß ein Westfeldzug, der uns nicht bis Bordeaux führe, seinen Zweck verfehle. Jodl sagte, ein solcher durchschlagender Erfolg werde im Mai 1940 möglich sein. Hitler rechnete anders; ich hörte ihn im Dezember 1939 sagen: der Feldzug im Westen "kostet mich eine Million Mann, den Gegner aber auch, und das kann er nicht ertragen". Er redete gerade so, als seien die Menschen sein Eigentum und als sei ihr Einsatz ein algebraisches Exempel. Es erinnerte an den Ausspruch Napoleons, als man ihm am Abend der Schlacht von Borodino die Massen toter Franzosen zeigte: "Eine Nacht von Paris bringt das alles wieder ein."

Alsbald nach Kriegsausbruch hatte ich dafür gesorgt, daß unser bisheriger Londoner Botschaftsrat Dr. Theo Kordt in die Schweiz versetzt wurde, um von dort die Fäden mit London insgeheim wieder aufzunehmen. Im Spätherbst 1939 ist auf dieser Linie und später im Winter 1939/40 noch auf anderen, z. B. über den Vatikan, die Bereitschaft der britischen Regierung festgestellt worden, im Fall eines Systemwechsels in Deutschland den Ablauf "Gewehr bei Fuß" abzuwarten. Ich will nicht behaupten, daß ein Umsturz unter solchen Zusagen außenpolitisch risikolos gewesen wäre. Aber gab es etwas Besseres? Und wie lange blieb die Zusage in Kraft? Mit der französischen Campagne im Mai 1940 verstummte das Echo der britischen Regierung auf alle weiteren Sondierungen.

Anfang 1940 traf bei Hitler selbst ein Vermittlungsvorschlag ein. Er kam von Italien. Italien war damals nicht "neutral", es war "nicht kriegführend", also angeblich sprungbereit. Unser Botschafter in Rom, Mackensen, rechnete mit Italiens Beteiligung, sobald seine Kriegsvorbereitungen beendet wären. Ich hielt dem entgegen, Italien werde, ganz gleichgültig, wie sein Rüstungszustand sei, bei uns mittun, wenn es ans Beutemachen gehe, sonst nicht. Nun kam Mussolini mit einem seiner Briefe an Hitler heraus. Der Brief war Wasser auf meine Mühle. Ich gab dazu schriftlich folgende Meinung ab: Mussolini rate, im Westen keine militärische Entscheidung zu suchen, vielmehr unsere Kriegsziele zu mäßigen. Für ein Friedensgespräch biete Mussolini seine guten Dienste an. Lehne Deutschland diesen Freundesrat ab, dann habe Mussolini Handlungsfreiheit. Der Brief zeige eine Weggabelung für Italien an.