München, im Oktober

Es soll nicht selten vorkommen, daß die Männerim Parkett, junge und auch ältere Häupter, wenigstens solange die verzaubernde Dunkelheit dort unten währt, für eine der weiblichen Gestalten auf der Bühne erglühen und dem Romeo die Küsse neiden, die er von Julia empfängt. Diesmal gab es nichts zu neiden, obwohl Harry Buckwitz für seine Erstaufführung von Clare Boothe-Luces Komödie Frauen in New York in den Münchener Kammerspielen vierzig und mehr Darstellerinnen hatte aufbieten müssen. Es erscheint kein einziges Mannsbild auf der Szene, nur zum Schluß ein Schatten davon, obwohl sich im Grunde alles um die Männer dreht. Statt Küssen aber wurden Bosheiten ausgeteilt und empfangen, von der oftmals mit funkelndem Witz gewürzten Stichelrede bis zur ätzenden Niedertracht und Verräterei. Auch setzte es Ohrfeigen und Würgegriffe, ohnmächtige Würfe mit dem Toupet, Bisse in die Waden und großen Exorzismus mit der Sodaflasche, zum etwas beklommenen Gelächter vorzüglich der zuschauenden Mannsbilder.

Auch sonst gibt es allerhand Augenweide. Vierzig Damen, die meisten davon in den Jahren, die man die besseren nennt, wollen angezogen und auch ausgezogen sein. Es gelang mit Hilfe der großen Münchner Modeateliers, die sich die Gelegenheit einer Mondschein auf der Bühne mit mäzenatischer Großzügigkeit nicht hatten entgehen lassen. Ferner war in zwölf Bildern für einen munteren Szenenwechsel gesorgt, und die Eintrittskarte verstattete diesmal sogar den Einblick in Gemächer, von denen Männer in der Regel mit allerhand Gründen ausgeschlossen bleiben. In einen Frisiersalon etwa, wo wohlerhaltene wie auch bereits mitgenommene Schönheiten vom Kopf bis zu den Fußzehen aufgefrischt werden, oder in den Probierraum eines Ateliers der Haute Couture, wo es neben extravaganten Abendkleidern auch Mieder am lebendigen Modell zu bestaunen gab: ferner in einen Gymnastikraum, in dem eine der Sache ziemlich überdrüssige Vorturnerin zum Schlag des Tamburins die Damen mit den Beinen strampeln läßt, und in eine Wochenstube, die uns mit einer Kombination von Zigarettenpaffen und Stillgeschäft bekannt macht. Sogar eine Badewanne stand auf der Bühne, mit einer entsprechenden Schönen darin, einem besonders ordinären Stück, gefühllos wie ihre Wurzelbürste.

Eben dieses Wesen hat als die Zerstörerin einer ausnehmend glücklichen Ehe für so etwas wie eine Handlung zu sorgen, an deren dünnen Faden Clare Boothe-Luce ihre satirischen Bilder aus dem Leben der weiblichen upper ten in New York aufreiht. Denn der Angriff auf deren Aufführung und Lebensauffassung ist ihr eigentliches Anliegen.

Allein wie zu den meisten –, Satiren gehört es auch zu dieser, daß sie das Kind mit dem Bade ausschütten muß. Nicht ganz: eine Gerechte, ein reines Herz – wenn wir von der Bedienten- und Angestellten-Personage absehen – gibt es auch hier. Ihr gehört denn auch die Sympathie der Autorin, die sonst an dem ganzen Aufgebot ihrer Geschlechtsgenossinnen im plutokratischen Vordergrund kein gutes Haar gelassen haben will. Ihr wird denn auch in einem regelrechten Happy-End der gebührende Lohn: ihr Mann findet zu ihr zurück. Das ist Mary, eine wahrhaft liebende Frau, der Maria Wimmer ergreifende Züge verließ. Ihre eigentliche Gegenspielerin, nicht in der Handlung, sondern nach dem vollen lebensgewicht des Niederträchtigen, verkörperte Maria Niklisch. Sie trug ihre Bösartigkeit mit einer kaltfunkelnden Anmut zur Schau, die eine wahre Augen- und Ohrenweide bedeutete, wie ja auch zu dem abgefallenen Luzifer eine Art von Schönheit gehören soll.

Der Beifall entsprach dem außerordentlichen Aufwand des Abends, wenn es auch für niemanden ein Trost sein mochte, daß Amerika es also doch nicht besser habe. Denn treffender als mit den lokalisierenden. Frauen in New York wäre der amerikanische Titel women kurzerhand mit "Weiber" zu übersetzen gewesen.

Paul Alverdes