Die tschechischen Zeitungen schenken plötzlich dem Geistesleben in der Tschechoslowakei große Aufmerksamkeit. Da heißt es, daß die Schriftsteller zu den wichtigsten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gehören und daß ihre Leistungen von hoher Bedeutung für die Entwicklung dies Volkes seien. Die Regierung stellte, wie Rude Pravo bekanntgab, dem Schriftstellerverband sogar ein Schloß im Böhmerwald zur Verfügung, wo jeder Schriftsteller mehrere Monate als Gast des Staates völlig frei von materiellen Sorgen arbeiten kann. Wenn Staatsangestellte sich schriftstellerisch betätigen, können sie sechs Monate Urlaub und ein Stipendium erhalten. Aber nach der oft herben Kritik, die den meisten neuen Büchern in der tschechischen Presse widerfährt, haben die Leistungen der so großzügig behandelten Literaten ihre Auftraggeber vorläufig mehr enttäuscht als zufriedengestellt. Nach dem Wort eines Mitgliedes einer Jury, die über die Vergebung eines Literaturpreises zu entscheiden hatte, verhalten sich die meisten der so entstandenen Bücher zu den Werken der Weltliteratur wie Märsche zu den Melodien eines Smetana oder eines Dvořák. Dennoch werden diesen Neuschöpfungen des volksdemokratischen Geistes riesige Auflagen zugebilligt. Es ist nicht selten der Fall, daß "moderne" Romane tschechischer Autoren in 50 000 und mehr Exemplaren gedruckt werden.

Die Lage der Maler, Bildhauer und Komponisten unterscheidet sich kaum von der der Schriftsteller. Ein Bild oder eine Plastik zur Verherrlichung des Staatspräsidenten Gottwald gilt nicht weniger als eine Hymne oder eine Symphonie auf Stalin, ein Lied zum Ruhme der kommunistischen Partei oder eine Kurzgeschichte über einen "Heiden der Arbeit".

Den Schriftstellern, Bildhauern, Komponisten und Malern wird aber nicht nur vorgeschrieben, was sie dichten, meißeln, komponieren und malen sollen, sondern auch wie ihre Leistungen beschaffen sein müssen. Als grundsätzlich gewünschter Stil gilt der "Stil des sozialistischen Realismus". Wer von der "Linie" abweicht, wird alsbald als Saboteur gebrandmarkt. Sprachrohr der Regierung sein zu dürfen, haben besonders die Dichter als Ehre zu betrachten.

Dem entspricht, daß die wertvollen Werke der früheren tschechischen Literatur heutzutage in der Tschechoslowakei nirgends zu haben sind. Sie sind zwar nicht verboten, aber Buchhändler und Bibliothekare sind angewiesen, Lesern, die nach den Werken beispielsweise von Karel Capek, T. G. Masaryk und Comenius oder gar nach dem "Braven Soldaten Schwejk" von Jaroslav Hašek fragen, zu antworten, sie seien "im Augenblick" verliehen oder vergriffen.

Das tschechische Volk ist nicht arm an begabten Künstlern. Aus den Ateliers oder den Schreibtischen der Lebenden ging jedoch seit Februar 1948, seit den Tagen der kommunistischen Machtübernahme, kaum ein Werk von überdurchschnittlichem Niveau hervor. Wie die industrielle Produktion in der Tschechoslowakei im Zeitalter ihres Fünfjahrplanes nur noch schäbige Massenware "auf den Markt wirft", so ist es auch mit der "planmäßigen" Geistesarbeit.

Othmar Merth