Von Gert H. Theunissen

Was würde geschehen, wenn heute ein kleiner, armer Mönch sagen wir: nach Edinburgh käme und dort mit Hilfe des Heiligen Geistes einen übelbeleumundeten Tanzpalast mitsamt seinen Flittchen, seinen Börsenmaklern und vereidigten Buchprüfern in die Luft sich erheben und fein säuberlich auf einen Felsen an der Meeresküste niedergehen ließe? Diese amüsant-vertrackte Frage stellt der soeben bei Jakob Hegner in Köln zum Lobe des Humors (und zum Preise von elf D-Mark) erschienene Roman des Engländers Bruce Marshall: "Das Wunder des Malachias Die Fabel seiner Geschichte dürfte eine Messe wert sein. Und der Leser lacht und lächelt sich in Gottes Ratschluß hinauf, von wo er dann tief unter sich das Panorama einer Christenheit erblickt, der vielleicht am besten lachend zu helfen ist. In allem Ernst: eine tolle und unheimliche Geschichte, die uns wahrlich sehr komisch an die Nieren geht und dem einen oder anderen heilsam auf die Nerven fällt.

Da macht sich also ein schlichtes, den Heiland beim Wort nehmendes und deshalb eben ein keineswegs moralinsaures Mönchlein, Pater Malachias, im Auftrage seines Abtes nach Edinburgh, der "Metropole der Wissenschaft", auf, um den Priestern und der Gemeinde der Margaretenkirche den gregorianischen Kirchengesang beizubringen. Der Domherr ärgert sich über das seiner Kirche schräg gegenüberliegende Tingeltangel "Garten Eden" und ist auch, als römischer Katholik, nicht sonderlich gut auf die anglikanische Kirche zu sprechen. Malachias, eingedenk des Gebotes, die Sünder trotz all ihrer Sünden zu lieben, sträubt sich gegen den Versuch, ihn für die Säuberung einzuspannen. "Wie Sie wollen", erwidert der Domherr spitz, "da werde ich heute beim Abendsegen wohl selbst mit der Peitsche knallen müssen."

Doch Gottes Mühlen mahlen ziemlich flink. Am nächsten Tage gerät Pater Malachias mit dem weltmännischen Herrn Hamilton, einem modern denkenden Vertreter der anglikanischen Kirche, ins Gespräch. Plakate, worauf zu lesen steht: "Komm zum Abendgottesdienst! Er kostet weniger als das Kino. Komm mit der Deinen Hand in Hand, Gott hat nichts dagegen!" empören den in den Regeln des heiligen Benedikt und in dem Geist des heiligen Thomas von Aquin erzogenen Pater Malachias. Sein Unwille verleitet ihn zu der Äußerung: "....wenn Gott wollte, könnte er Ihre Kirche oder den ‚Garten Eden‘ mitten in die Sahara versetzen." Zwischen dieser Ansicht und der kurz vorher von Hamilton geäußerten – nämlich, daß man schon zu anderen und neueren Mitteln greifen müsse, wenn man die Leute zwingen will, in die Kirche zu kommen, denn der Glaube müsse mit dem modernen Denken in Einklang gebracht werden – tut sich, gewiß unter schallendem Gelächter des Himmels, der Abgrund unserer Zeit auf; über ihn schlägt der zugleich an Swift wie an Dickens erinnernde Satiriker und Humorist Bruce Marshall die profane Brücke.

Das geht folgendermaßen vor sich: auf das Gebet des frommen Pater Malachias hebt sich tatsächlich der Tingeltangel-Tanzpalast in die Lüfte und läßt sich auf einen Felsen an der Meeresküste nieder. Was Hamilton unmöglich dünkte, erschien Gott ein leichtes. Das stürzt nun die Kirchen aller Konfessionen nicht weniger heftig als die Freigeister aller Sorten in die Fallgruben einer rabiaten Verlegenheit. Aber nur für eine Schrecksekunde. Dann krabbeln sich alle, die Geistlichen wie die Börsenmakler, die Bürger, die Hürchen, die Leitartikler und die Professoren aus der plötzlichen Verschüttung an das milde Licht der verehrten "Naturgesetze". Hokuspokus, Schwarze Magie, Sinnestäuschung schreit es in der Presse der Welt. Einsam und unerschütterlich in seinem Glauben steht Pater Malachias inmitten der Stürme. Ein Filmmanager will ihm den "Trick" abkaufen, der Besitzer des "Garten Eden" verlangt hunderttausend Pfund als Schadenersatz, was der gute Mönch sofort einsieht und seinem Abt unterbreiten will. Aber ein gerissener Freund macht dem fetten Besitzer klar, daß der Tanzpalast auf dem Felsen ein Vermögen einbringen könne. Zum Entsetzen des Malachias verzichtet der Besitzer auf allen Schadenersatz und eröffnet mit einer Galavorstellung am Weihnachtsabend das alte Unternehmen im neuen Wunderglanz. Pater Malachias fühlt sich sterbenstraurig. War es vielleicht Hochmut, als er Gott um das Wunder bat? Wollte er in seiner frommen Ungeduld zuwege bringen, was Christus in zweitausend Jahren nicht zustande gebracht hat? Alle, alle würden sich, so hatte er gehofft, bekehren, denn jedermann könnte ja die Wundertat mit eigenen Augen sehen. In seiner tiefen Bedrängnis gibt er schließlich dem Flehen des Domherrn nach, doch Gott zu bitten, der Schande auf dem Felsen ein Ende zu bereiten. "Ein Büschel bunter, in der Richtung Edinburgh rasch hinschwindender Lichter" zeigt die Erfüllung des Gebetes an. Der Tanzpalast steht wieder an seiner alter Stelle. So "atmete die Welt erleichtert auf und war wieder, was sie immer gewesen ist: eine ziemlich mißglückte Art von Aufenthalt".

Aus der Unvereinbarkeit von Geschwätz und Gottes Majestät, von Erwerbsgier und Gebet schlägt dieser faszinierend erzählende Roman das pure Gold einer alle theologische und moralische, nationalistische und geistige Falschmünzerei aufdeckenden Komik. Der "gesunde Menschenverstand" erlebt in dieser von Jakob Hegner selbst ebenso schmiegsam wie hinreißend übersetzten Dichtung sein blaues Wunder. Es sprengt die Arsenale aller dummen Phrasen in de Luft und ventiliert nicht zuletzt auch die Kirchen zur höheren Ehre Gottes. Bruce Marshall hat sozusagen das christliche Knallgas im Gehabe und Geschäft unserer Zeit entdeckt.