Helsinki, im Oktober

Finnland hatte bei Abtretung der von Rußland verlangten Gebiete eine halbe Million der karelischen Bevölkerung unterzubringen: das war, gemessen an der Gesamtbevölkerungszahl von nur 3 1/3 Millionen, gewiß nicht einfach. Allerdings war genug Raum vorhanden. Die Flüchtlinge wurden überall in Stadt und Land verteilt. Im stärker bevölkerten Südfinnland ging man zum Teil ähnlich wie bei uns vor, indem man Ländereien von großen Gütern abtrennte und neue Siedlerstellen einrichtete. Alle Landwirtschaftsgebiete in Süd- und Mittelfinnland sind seitdem durchsetzt mit Neusiedlerstellen, die bei einer Fahrt durch das Land sofort an den neuerbauten Holzhäusern zu erkennen sind. Auch Neukultivierung war notwendig. Die Vorarbeit, nämlich das Fällen der Bäume und Büsche, bot keine Schwierigkeiten. Diese Arbeit konnte von den Siedlern selbst vorgenommen werden und erbrachte gleich das zum Bau notwendige Nutzholz. Zum Roden der Stubben, zum ersten Umbrechen des Neulandes, zum Schneiden oder Heranfahren des Bauholzes setzte staatliche Hilfe ein. Neben solchen Bauernstellen, bei denen der Flüchtling selbst den größten Teil der Arbeit zu leisten hatte, sind in Südfinnland vom Staat auch Wohnsiedlungen mit kleinem landwirtschaftlichem Nebenbetrieb geschaffen worden, in denen die Männer, wie dies in Finnland überhaupt bei Kleinbetrieben Sitte ist, entweder in der Industrie oder, was noch häufiger ist, als Waldarbeiter Beschäftigung finden.

Vor sechs Jahren, als Finnland einen Sonderfrieden mit Rußland schloß, wurde durch eine sinnlose Anordnung, die vielen Deutschen gar nicht bekannt ist und die leider von der damaligen deutschen Heerführung genau ausgeführt wurde, vor Abzug der deutschen Truppen jede Stadt, jedes Dorf, jeder Hof und jede Hütte total zerstört. Sonderkommandos arbeiteten mit Brandfackel und Dynamit und legten alles in Schutt und Asche. Sofort nach der Rückkehr der evakuierten Bevölkerung setzte nun eine in der Geschichte einzigartige Hilfsaktion ein. Von staatlichen und kirchlichen Stellen des unzerstört gebliebenen Süd- und Mittelfinnlands und vom Ausland wurde für Lappland alles Notwendige herbeigeschafft und bereitgestellt. In unvorstellbar kurzer Zeit wurde mit dem Aufbau begonnen. Allerdings war der Aufbau wesentlich leichter als bei uns in Deutschland, da in Finnland viel mit Holz gebaut wird. Auch die Hauptstadt Lapplands, Rovaniemi, hatte vor dem Kriege nur zur Hälfte Steinbauten. – Wenn man sich heute, gut vier Jahre nach dem Beginn der Aufbauarbeiten, Rovaniemi nähert, so sieht man eine Fülle großer weißer neuer Häuser; sie wurden in modernster Bauweise und Ausstattung errichtet. Große Komplexe – zum Beispiel ein Waldgelände, in dem während des Krieges Wehrmacht- und OT-Lager standen – sind heute mit neuen, von kleinen Gärten umgebenen Einfamilienhäusern voll bebaut. Wir waren im Bauplanungsbüro der Stadtverwaltung von Rovaniemi und sahen an Hand einer großen Wandkarte die großzügige neue Planung für die Stadt. Straßenverlegungen, Durchbrüche für große Ausfallstraßen nach Süden und Westen, Neubau des Bahnhofes und sonstiger öffentlicher Gebäude werden Rovaniemi nach einigen Jahren das Gesicht einer durchaus modernen Stadt geben.

Überall in Lappland ist der Aufbau heute so gut wie vollendet; Reste abgebrannter Häuser sind kaum noch zu sehen.

In der Nähe von Ivalo, einem kleinen Ort, der früher ungefähr die Mitte der Eismeerstraße bildete und ebenfalls schon wieder aufgebaut ist, liegt ein neues Siedlerhaus am See. Es ist noch ungestrichen, und die hellen, diagonal verlaufenden Außenbretter zeigen an, daß die zweite und letzte Verschalung noch fehlt. Zwei Kinder arbeiten im schon gut eingerichteten Garten, die Frau kniet am See auf einem kleinen Holzsteg und wäscht. Bereitwillig führt sie uns in das Haus und in die große, helle Wohnküche, den Hauptraum in jedem finnischen Bauernhaus, mit großem Backofen. Ein selbst gesetzter Herd aus Ziegelsteinen, freundlich gestrichene Bauernmöbel, eine Nähmaschine und handgewebte Läufer machen den Raum wohnlich. Zwei Schlafzimmer schließen sich an die Küche an, die gemeinsam durch den finnischen runden Ofen geheizt werden. "Sogar elektrisches Licht sollen wir bekommen", erzählt die Frau. "Mein Mann arbeitet im Wald, denn trotz der Hilfe von der Regierung kostet der Aufbau doch viel. Die Landwirtschaft? Die versorge ich mit den Kindern. Paavo ist ja schon 14 und Maja 12. Die vier Kleinen können auch schon leichte Handreichungen machen. Wir haben es ja jetzt in dem neuen Haus viel schöner und größer als früher. Und Kleidung konnten wir uns mit der geldlichen Hilfe auch kaufen."

An einem der neuen Höfe lesen wir das einladende Schild "Kahvila". Die "Kahvila", die Kaffeestube, ist eine typisch lappländische Einrichtung. Bei der Vorliebe der Finnen für Kaffee brachten solche Kaffeestuben den Bauern von jeher einen willkommenen Nebenverdienst. War nun früher eine solche "Kahvila" eine einfache Stube mit schlichten Möbeln, so trifft man heute helle, oft sogar getäfelte Räume mit bunten Gardinen und Läufern. E. Blenck