Man stelle sich ein Volk vor, das zwar deutsch spricht, aber lange Zeit ausschließlich russisch schrieb und es heute noch zur Hälfte tut. Man nehme dazu, daß die Ortsnamen dieses Volkes etwa einem Ungarn manchmal in deutscher, manchmal auch in spanischer Fassung vorgelegt werden: die Schwierigkeiten unseres Ungarn, sich in dem Namen-Babel jenes unseres nären Volkes zurechtzufinden, können kaum größer sein als die, vor denen ein europäischer Leser bei koreanischen Ortsnamen steht. Denn Korea – das ist das Land, wo man koreanisch spricht, koreanisch oder chinesisch schreibt und die chinesischen Zeichen auch wieder japanisch spricht. Der Name Korea selbst gibt ein Beispiel für die verwickelte Sprachlehre. Die eigentliche Bezeichnung Ko-r(y)ö schrieb sich mit den chinesischen Zeichen Kao-li, sprach sich hiernach japanisch Kõrai und wandelte sich daraus zu unserem Korea. Doch ist dieses Wort schon seit 1392 in Asien ungebräuchlich: damals taufte eine neue Dynastie das Land um in Chinesisch Chaohsien, und die Japaner – mit ihnen viele Karten – sagen dementsprechend noch heute Chõsen. Der Name bedeutete schon immer "(Land der) Morgenfrische".

Die Japaner hielten Korea zwar lange besetzt, gaben indes seinen Orten keine neuen Namen; dafür sprachen sie die alten auf ihre Art aus und schufen auch so genug Verwirrung, wie jeder Zeitungsleser erfahren mußte, der in Berichten vom koreanischen Kriegsschauplatz auf Namen stieß wie Taiden, Rakutö, Taikyü und Fusan. Denn wie sollte er auch wissen, daß in der gleichen Reihenfolge Taejon, Naktong, Taegu und Pusan dieselben Städte und denselben Fluß auf koreanisch meinen? Leider läßt sich auch kein Rezept angeben und keine Gleichung aufstellen, um den Schluß von der einen Schreibung auf die andere zu erleichtern – es sei denn, jemand wäre mit den entsprechenden chinesischen Zeichen vertraut und könnte ihre koreanische und ihre japanische Aussprache nachschlagen. In diesem Fall hilft das chinesische Wort zum koreanischen Taech‘ön und zum japanischen Tai-ten (oder Taiden) weiter; dann sieht man, daß dem chinesischen Yüan-san das koreanische Wön-san und das japanische Gen-san entspricht. Es verwundert nicht mehr, statt In-ch‘ön japanisch Jinsen zu nicht oder auf der Karte unter dem Namen Keijo eingeklammert das koreanische Söul zu finden.

Doch wieso steht hier plötzlich Tae-ch’ön statt Tae-jon, In-ch‘ön und nicht In-chon? Wieso heißt es Söul, während anderswo oft Seoul geschrieben wird? Diese Fragen treffen eine andere Schwierigkeit im Verständnis koreanischer Geographie: die verschiedenen Auffassungen von der Aussprache koreanischer Laute, bedingt durch die differierenden phonetischen Glaubensbekenntnisse der Linguisten, haben auch Schreibvarianten im Gefolge. Die Lesart Seoul zeigt an, daß hier noch der französischen Lautumschrift gehorcht wird; die Engländer setzen dafür oft Söul, die Deutschen greifen zu Söul. In allen drei Fällen soll die erste Silbe des Wortes etwa dem offenen ö-Laut des englischen bird und die zweite einem mittellangen deutschen u (Butter) entsprechen: also Sö-ul. Den phonetischen Aufwand sollte man hier entschuldigen, denn Söul ist nicht nur Hauptstadt – sein Name bedeutet auch genau des.

Andere Namen – nicht kleinere Schwierigkeiten. Da war noch Tae-ch’ön, das sich auch Tae-jön nennt und Tae-jon schreibt. Zum j kam es, weil Konsonanten zwischen Vokalen nachgiebig sind und die Engländer den weichen deutschen tsch-Laut durch ein j wiedergeben – siehe jam und jive; das ö aber spricht sich genau wie in Söul, das Fehlen der Punkte oder des Hakens über dem o geht zu Lasten bequemer Setzer. Nachgiebigkeit der Konsonanten und Nachlässigkeit der Schriftsetzer erklären auch Inch‘ön = Indien; bei Waegwan = Waik(w)an, Tschindschu = Ch‘inju streiten sich wieder deutsche und englische Phonetik. Mi.