E. G., London,Anfang Oktober

Wenn jetzt in Australien die Auktionen damit beginnen, daß als niedrigstes Gebot "ein Pfund" (£) für ein (Gewichts-)Pfund (bb) Wolle gerufen wird, so stimmt da etwas nicht. Das ist kein gerechter Preis mehr. Australien, der größte Wollerzeuger, würde aus der diesjährigen Schur einen Erlös von 450 bis 500 Mill. australische £ erhalten, ein Erlös, der nur um 50 bis 100 Mill. £ unter dem gesamten Einfuhrwert aller australischen Importe von 1949 liegt. Denn die übrige Welt kauft auch noch Fleisch und Felle, Butter und Käse, Getreide und Mehl, Metalle und Erze von Australien.

Den Farmern in Australien, Neuseeland und Südafrika – den größten Woll-Exportländern – kann man keinen Vorwurf daraus machen, daß sie den Preis akzeptieren, der frei auf den Auktionen entsteht. Es liegt auch nicht etwa eine künstliche Verknappung des Angebots vor: die Wollschur ist ja nur ein Zweig der Schafzucht; Fell und Fleisch müssen auch Absatz finden. Hier fängt es schon an mit den Gründen für den hohen Wollpreis: "man" will mehr und mehr Lammbraten anstatt Hammelkeule essen. In den USA ist das besonders ausgeprägt zu erkennen. Der Schafbestand hat sich dort erheblich vermindert, und einer der Gründe – neben dem Arbeitermangel auf dem Lande – ist die gewaltige Erhöhung der Lammschlachtungen, vor der "Volljährigkeit"der Schafe also. Will der fleischessende Teil der Menschheit also lieber Lamm als Hammel auf den Teller bekommen, so läßt sich die Schafzucht zugunsten der Wollschur nicht beliebig ausdehnen. Immerhin steigt das Wollangebot jährlich um etwa 4 v. H.

Die heutigen Wollpreise ließen eine schnellere Ausdehnung der Schafzucht wohl verantworten. Doch die Wirtschaftspolitiker in aller Welt haben den Wollproduzenten vor dem Kriege stets warnend vorgehalten, sie dürften sich nicht zu viel vom Wollabsatz versprechen. Er werde sich bestenfalls gerade so halten, wahrscheinlich jedoch, mit dem Aufkommen künstlicher Fasern, allmählich zurückgehen. Die Kriegsjaire brachten dann (scheinbar) eine Bestätigung: die drei Woll-Dominien (und England als einer der Hauptverbraucher) mußten eine Auffang-Gesellschaft für überschüssige Wolle gründen, weil es an Märkten und auch an Schiffsraum für den Transport fehlte. Das Fazit: Bei Kriegsende 1945 lagen rund 5 Milliarden lb Wolle bei dieser Auffang-Gesellschaft. Däs entsprach dem erwarteten gesamten Weltverbrauch (einschließlich der anderswo geschorenen Wolle!) von mindestens 18 Monaten. Man machte sich darauf gefaßt, daß man wohl an die 12 Jahre brauchen werde, diese "Kriegswolle" abzustoßen.

Es kam ganz anders. Die Nachfrage nach Wolle zog nicht nur ganz erheblich an, sie blieb auch auf dem viel höheren Stand, der heute noch um 7 bis 10 v. H. über der laufenden Produktion liegt. Kein Wunder also, daß man die angesammelte Reserve bereits in fünf Jahren (bis auf einen kleinen Rest von rund 250 Mill. lb, der auch bald untergebracht ist) abstoßen konnte.

Und was dann? Wird die Erzeugung steigen? Wird die Nachfrage sinken? Werden sich beide in der Mitte treffen, und werden dann nicht nur niedrigere Preise, sondern auch größere Preisschwankungen eintreten? Das letztere befürchteten bis vor kurzem die Erzeuger. Sie hatten daher für ihre gegenwärtig in London stattfindende Studien-Tagung Vorschläge zu einem neuen Woll-"Pool" ausgearbeitet. Mindestpreise sollten jährlich festgesetzt, in schlechten Zeiten sollte zu diesem Mindestpreis aufgekauft und in wollknappen Zeiten möglichst mit Gewinn darausverkauft werden. In Australien hat man zudem Pläne einer "Abschöpfung" der übermäßigen Wollgewinne durch eine Wollabgabe von 20 v. H. oder mehr geprüft, die teils zur inländischen Verbilligung von Wollbekleidung, teils zur Finanzierung späterer Rückgänge in den Wollerlösen verwendet werden sollen. Diese Pläne für den Erzeugerschutz scheinen unmittelbar vor der politischen Reife zu stehen. Den Verbraucherschutz streben umgekehrt deutlich angemeldete USA-Wünsche an, die freie Preisbildung auf Auktionen durch Regierungsabsprachen und feste Wollzuteilungen an die Verbraucherländer abzulösen. Die Amerikaner interessieren sich dafür nicht nur als die wichtigsten Wollimporteure. Sie denken auch an eine strategische Wollreserve für sich und ihre Freunde. Im übrigen wollen sie den Sowjets die Wollbeschaffung für ihre Uniformen erschweren.

Was aber wird inzwischen aus den Zivilverbrauchern? Wenn selbst ungewaschene Wolle mehr als ein £ je lb kostet, müssen der Herrenanzug, der Damenmantel, ja selbst das Babyjäckchen sich erheblich verteuern. Sogar in England, dem klassischen Land der Wollstoffe (die allerdings zumindest im Inlandsverbrauch schon längst nicht mehr "rein" sind), erörtert man eifrig weitere "Ausweichmöglichkeiten" ins Baumwollfeld oder – in den Wald, der die Zellwolle liefert. Die Rationierung über den Geldbeutel wird in puncto Wolle sehr drastisch ausfallen. Selbst wenn der Preis für ein Pfund Wolle auf den Preis von 30 oder 40 Eiern zurückgehen sollte – was eine Halbierung der gegenwärtigen Preise und damit eine Rückkehr etwa zu den Wollpreisen von 1949 bedeuten würde –, werden die Textilien noch erheblich teurer sein müssen als heute. Denn bisher haben sich noch nicht einmal die vorjährigen Preiserhöhungen für Wolle voll im Einzelhandel ausgewirkt.

Wolle wird also wegen der Landarbeiter, die in die Industrie gehen, wegen der Fleischesser, die Lamm statt Hammel fordern, und wegen der Textilverbraucher, die seit Kriegsende so viel mehr Wolle als bisher tragen wollen, rapide zu einem "Luxus". Ob die synthetischen Fasern uns – in Qualität und Preis – vor dieser Verschlechterung unseres Lebensstandards bewahren können?