Die Landwirtschaft der Obstbaugebiete hat schwere Absatzsorgen, weil den Hausfrauen der Zucker fehlt, um die niedrigen Obstpreise durch Einmachen und durch entsprechende Berücksichtigung aller "Früchte der Jahreszeit" im täglichen Küchenzettel auszunutzen. Außerdem ist Geld in den Haushaltskassen knapp: besonders da, wo man vor wenigen Wochen kräftig Hamsterkäufe durchgeführt hat. Und dann sind manche Lebensmittel teurer geworden – also wird an anderer Stelle, beim Einkauf von Obst (auch Gemüse der besseren Sorten) gespart. Die höheren Getreide- und Schweinepreise, die den Bauern zugute kommen, wirken sich wie ein Bumerang für ihre Berufsgenossen aus, die jetzt Obst und Gemüse absetzen wollen.

In dieser Situation müßten Bauernverbände und Gewerkschaften aktiv werden, um die Verbraucherschaft über Presse und Rundfunk, durch Vorträge, Film, Handzettel und in jeder sonst denkbaren Weise über die Möglichkeiten einer Verwertung der jeweils im Überfluß vorhandenen und infolgedessen billigen Lebensmittel aufzuklären – durch den Hinweis etwa: "Man kann auch ohne Zucker einkochen!" und durch die Herausgabe von Rezepten, wie mit wohlfeilen Zutaten ein vielseitig-abwechslungsreicher Küchenzettel (für die Familie so gut wie für die Großküche) aufzustellen ist. Neben Obst und Gemüse ist dabei an Heringe, an Magermilch, Quark, Käse und manches andere zu denken.

Die Anregung ist nicht neu. Aber offenbar trifft sie immer wieder auf taube Ohren. Die Gewerkschaften haben offenbar Wichtigeres zu tun; sie müssen feststellen, wie entsetzlich groß die Teuerung seit 1936 (!) geworden ist, und daß die "Lohn-Preis-Schere" weit geöffnet sei – kein Wunder, da ja auch die Durchschnittsleistung der Arbeiterschaft (was durchaus nicht etwa ihr "Verschulden" darstellt, sondern objektiv bedingt ist) den Vorkriegsstand noch nicht wieder erreicht hat... Ein totaler Krieg, besonders ein total verlorener Krieg, läßt sich eben so schnell nicht überwinden, und an seinen Folgen hat die Gesamtheit mitzutragen. – Die Bauernverbände aber haben auch Wichtigeres zu tun: sie müssen feststellen, wie entsetzlich tief die Preise (seit 1948!) gefallen sind, und welche Ursachen das hat, wobei sie die "Schuld" nicht etwa in der mangelnden Verbraucherkaufkraft suchen, die ja nur das Spiegelbild einer noch unzulänglichen Produktivitätsleistung der Gesamtwirtschaft ist, sondern in der Außenhandelsliberalisierung, die ja doch in Wirklichkeit den Vorspann für die Exportkonjunktur der letzten Monate abgegeben hat, deren positive Wirkungen nun ganz unverkennbar sind.

Die Schweizer sagten es schon

Manche wirtschaftspolitische Gruppe hat ja wohl Anlaß, die Entwicklung der letzten Wochen als eine heilsame Lehre zu empfinden. So wohl auch die "freiwirtschaftliche" Richtung, um deren Volksbegehren auf Stabilhaltung des Preisstandes – gemessen an einem idealen Index – es plötzlich so still geworden ist. Offenbar sieht man dort ein, in welch vertrackte Situation man nun kommen würde, wenn man heute, prinzipientreu, eine handfeste Deflationspolitik empfehlen müßte, um Äquivalente gegen die Preiserhöhungen zu schaffen, die vom Weltmarkte her bis auf unseren Inlandsmarkt durchschlagen ... Dabei war man ja gerade ausgezogen, um Preisdruck (oder, wie man es auch nannte: Preissenkungspolitik) und Deflation zu bekämpfen: jetzt müßte man sie konsequenterweise fordern; das macht sich propagandistisch schlecht. Was im übrigen gegenüber dem frommen Kinderglauben dieser Richtung – bezüglich der Index-Unfehlbarkeit und der Möglichkeit (auch: der Wünschbarkeit und Zweckmäßigkeit) einer über die Kreditpolitik zu erzwingenden absoluten Preisstabilität zu sagen wäre, das hat die eidgenössische Regierung, durch ein analoges Volksbegehren unter Druck gesetzt, längst gesagt. Eine ausgezeichnete, klare und prägnante Darstellung dieser Argumente hat unser Kollege Achterberg in Heft 15 der "Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen" gegeben. Wer an diesen Dingen interessiert ist, möge den Aufsatz nachlesen.

Der Theoretiker sieht das nicht

In Unkel, auf der Tagung der "Arbeitsgemeinschaft wirtschaftswissenschaftlicher Forschungsinstitute", hat Prof. Dr. Gleitze-Berlin in einem Referat zur Erwerbslosenfrage das Folgende gesagt: "je stärker die Diskrepanz zwischen Arbeitsuchenden und offenen Stellen ist, desto weniger ist ein natürlicher Anreiz gegeben, daß bisher Nicht-Erwerbstätige nach Arbeit suchen." – Das wäre gut und richtig, wenn nicht, unter dem System der Fürsorgeunterstützung für Arbeitslose, die genau entgegengesetzte Tendenz jetzt bei uns wirksam würde! In Wirklichkeit ist es nämlich so, daß sich um so mehr Menschen (insbesondere Frauen), als "erwerbslos" melden, um "zusätzlich" Unterstützung beziehen zu können, je weniger offene Stellen tatsächlich am Ort vorhanden sind: weil sie mangels Vermittlungsmöglichkeiten die "Chance" haben, recht lange in dem Genuß der Unterstützung zu bleiben, ungestört, das heißt, ohne befürchten zu müssen, daß ihnen das Arbeitsamt eine vielleicht gar nicht leichte, vielleicht sogar eine unbeliebte Arbeit nachweist. Die Entwicklung der Erwerbslosigkeit in Notstandsgebieten (Schleswig-Holstein) einerseits, in Gebieten mit normalen Beschäftigungsmöglichkeiten (Nordrhein-Westfalen) anderseits bestätigt das. Ist erst einmal die Erwerbslosenziffer so stark gesunken, daß alle "Einsatzfähigen" zum mindesten mit kurzfristiger Vermittlung zu rechnen haben, dann verringert sich die Zahl der Arbeitslosen auch für die Dauer sehr schnell: die "falschen" Erwerbslosen, denen weniger an einer Arbeitsstelle als an der Unterstützung gelegen ist, treten dann nicht mehr statistisch in Erscheinung. Ebenso läßt die Schwarzarbeit nach und geht dann in reguläre Arbeitsverhältnisse über, soweit sie nicht überhaupt ein Ende findet.