Wenn in einigen Wochen am Südpol der Sommer einsetzt, wird ein Rekordjahr in der Geschichte der Antarktisforschung beginnen. Nicht weniger als zwölf Expeditionen stehen in diesem Herbst bereit, die Fahrt nach der südlichen Eiswelt anzutreten.

Der weiße Kontinent, der mit 15 Millionen Quadratkilometer halb so groß ist wie Afrika und dessen Gebirge bis zu 6000 Meter aufsteigen, ist noch immer das unbekannteste Gebiet der Erde, obwohl schon über 200 Forschungsunternehmen seine gefährlichen Küsten anliefen. Die einzige menschliche Siedlung auf dem nur von Robben und Pinguinen bevölkerten Festland war während des letzten halben Jahres das Lager, in dem die Männer der britisch-skandinavischen "Norsel"-Expedition überwinterten. Die Walfang- und Wetterstationen befinden sich durchweg auf den leichter zugänglichen, vorgelagerten Inseln.

Mit jedem Jahr verstärkt sich das internationale Interesse an dieser Eiswüste. Man hört von Funden, die angeblich auf wertvolle Rohstoffvorkommen schließen lassen. Diese Gerüchte geben dem Gletscherreich eine immer größere Anziehungskraft. Außer verschiedenen europäischen Staaten haben jetzt auch Chile und Argentinien, Australien, Neuseeland, Südafrika und die Sowjetunion ihre Wissenschaftler in Marsch gesetzt. Solchen Vorstößen pflegen dann die politischen Ansprüche zu folgen, denn die Besitzverhältnisse auf dem sechsten Erdteil sind noch völlig ungeklärt.

Die größte Expedition wird bereits im Oktober in die Antarktis aufbrechen. Sie ist von den Amerikanern ausgerüstet worden, steht unter Führung des bekannten Südpolforschers Admiral Richard Byrd und soll die Arbeiten der "Operation Hochsprung" vom Jahre 1946/47 fortsetzen. Mit Flugzeugträgern, Eisbrechern und leichten Einheiten, Langstreckenmaschinen und Hubschraubern wird eine Spezialtruppe von 4000 Mann das Südpolargebiet von Südamerika und Neuseeland her anlaufen. Unter ihnen befinden sich Hunderte von Geologen, Meteorologen, Strahlenforschern und Funkexperten.

Dieses Mammutunternehmen, an dem sich außer Kanada auch England, Norwegen und Schweden beteiligen, ist seit Jahren vorbereitet worden und sollte schon 1949 starten, wurde aber im letzten Augenblick "aus zwingenden Gründen finanzieller Art" abgesagt. Wenn es jetzt trotz des Korea-Krieges und der verschärften Weltlage durchgeführt wird, muß die amerikanische Flotte davon überzeugt sein, daß sich dieser enorme Einsatz lohnen wird.

Der zweiundsechzigjährige Admiral Byrd, der mit einer regelrechten Armada anrückt und über ein Arsenal von Amphibientanks, Motorschlitten, Holzhäusern mit Warmluftheizung, Generatoren und Brennstoffvorräten, Laboratorien, Eisbohrern und Beobachtungstürmen, Radio-, Radar- und Ultraschallanlagen verfügt, hat vor Jahrzehnten selbst den verzweifelten Kampf des einzelnen gegen die Übermacht der Naturgewalten erlebt, wie ihn seine großen Vorgänger, die Südpolpioniere Amundsen, Scott, Shackleton und Filchner durchgefochten haben. 1926 überflog Byrd den Nordpol, im Jahr darauf den Atlantik, 1929 als erster den Südpol. Seine bisherigen vier Antarktisexpeditionen fanden 1928, 1934, 1939 und 1947 statt. Bei dem letzten Unternehmen wurde ein Gebiet von der Ausdehnung Großbritanniens kartographisch aufgenommen. Diesmal soll ein weißer Fleck von der Größe Europas von den Karten verschwinden.

Die Expedition soll, wie offiziell bekanntgegeben wurde, in erster Linie feststellen, ob der weiße Kontinent wirklich aus einer einzigen Landmasse besteht oder aus zwei Hälften, die nur durch einen vereisten Meeresarm verbunden sind. Ein Blick auf die Karte zeigt, daß das Weddell-Meer im Norden und das Ross-Meer im Süden tief in den Kontinent einschneiden. Schon der Polarflieger Willems stellte die Behauptung auf, die Antarktis sei kein zusammenhängendes Festland, sondern bestünde aus mehreren Inselgruppen. Der Schnee, der dort seit Zehntausenden von Jahren gefallen und zu einem mächtigen Eispanzer geworden sei, habe die Inseln zu einer einzigen Eismasse "zusammengebacken".