Biarritz, Ende September Solange es Kunst und Künstler geben wird, wird es Avantgardisten geben. Avantgardisten sind die Fackelträger einer bestimmten ideellen oder künstlerischen Bewegung, die den andern den Weg bahnen, sich für etwas einsetzen, das erst später allgemein anerkannt werden wird. In der ewigen Aktualität des Begriffs der Avantgarde glaubten einige der fortschrittlichsten "Cineastes" in Paris, mit Jean Cocteau, Robert Bresson, Roger Leenhardt und André Bazin an der Spitze, die Gründung einer neuen Avantgarde "Qbjectif 49" legitimiert zu sehen. Sie sieht ihr Ziel darin, alles zu fördern, was thematisch und stilistisch die Filmkunst bereichern, erneuern und weiterführen kann, über die heutige Verknöcherung des in leerer technischer Routine Gewohnheit gewordenen durchschnittlichen Filmstils hinaus. Die neue Avantgarde setzt sich ein für Filmkünstler, die, vom Publikum mißverstanden, abseits der Massenproduktion neue Wege schreiten. Sie setzt sich überdies ein für die Intelligenz im Film, sucht die Weltanschauung in der Filmkunst zu beheimaten und erstrebt einen cinéma d’idees, analog dem Ideentheater. Die Beziehungen zwischen Film und Literatur werden besonders gepflegt.

Das vorjährige "Festival du film maudit" in Biarritz war darauf hin angelegt, verschiedene mißverstandene Filme ihres Fluchs zu entheben. Das diesjährige Filmtreffen, das unter der Direktion von René Clément, einem der begabtesten französischen Regisseure stand, suchte neue, weiterführende Wege für den Film aufzuzeigen. Das "Rendezvous de Biarritz" hat wiederum ein eigenes Profil. Erstmals in der Geschichte der Filmfestivals wurde der Filmmusik durch konzertmäßige Aufführungen von Filmpartituren eine größere Bedeutung beigemessen. Ein sehr interessantes Experiment, das trotz einiger Ausnahmen fragwürdig blieb, weil die von den Bildern getrennte Musik sich nicht behaupten konnte oder nur als Geräuschkulisse wirkte. Denn Filmmusik hört man, aber man hört ihr nicht zu. Neu war auch die improvisierte Belebung eines bisher nicht gedrehten Drehbuchs auf der Bühne. Jean Gremillon führte mit seinen Schauspielern seinen "Printemps de la Liberté" vor, indem er vor einem projektierten Hintergrund die wichtigsten Szenen seines Werkes spielen ließ. Ein Kommentar und die vom Regisseur selbst geschriebene Musik fügten die einzelnen Episoden zu einer Gesamtskizze des Werkes. Diese Demonstration ist vor allem deshalb von größter Bedeutung, weil sie beweist, daß der Film eine eigene Literaturgattung geschaffen hat, ähnlich wie sich das Drama aus dem Theater entwickelt hat. Bestimmte bisher die Geschichte des Films die Entwicklung des Szenariums; so muß von nun an das Drehbuch die Geschichte des Films bestimmen.

Unter allen Veranstaltungen nahmen selbstverständlich die Vorführungen der Filme in Anwesenheit verschiedener prominenter Regisseure und Schauspieler wie Clément, Gremillon, Mackendrick, Antonioni, Ferroni, Jean Marais, Dennis Price, Odette Joyeux und Nicole Courcel, den breitesten Raum ein. Auch sowjetrussische Filme wurden vorgeführt, die seit 1946 von den westeuropäischen Festivals verschwunden waren. "Die Kindheit Gorkis" von Donskoi, ein Werk in der geistigen Nachfolge Pudowkins, voll poetischer Weichheit und brutalster Härte, fand starke Beachtung. "Der dritte Schlag" von Savtchenko (1948) hingegen, ein Werk über die Befreiung der Krim durch die Rote Armee, ist ein hohles Machwerk, voll grotesker Verzerrungen des Feindes und primitiver Verherrlichung der Sowjetführer, ein Werk, das in seiner Bedeutungslosigkeit und künstlerischen Flachheit ein deutliches Abbild der geistigen Lage des totalitären Rußland seit 1944 gibt. Der französische Film war durch René Clements "Verbotenes Arabien" (1936) vertreten. Dieses Werk, ein Dokumentarfilm über unerforschte Gebiete Arabiens, die noch auf einer vormaschinellen Kulturstufe stehen, war unter Lebensgefahr gedreht worden und bedeutet auch künstlerisch eine unerhörte Leistung. Der weitere Beitrag Frankreichs beschränkte sich auf verschiedene courts métrages, unter denen Alain Resnais’ "Guernica" hervorragte, eine Darstellung der Schrecken des Krieges, an Hand der Zeichnungen Picassos. Unter den übrigen Kurzfilmen verdient besonders erwähnt zu werden "Jammin’ the Blues" von Gjon Mili, ein Streifen über die Negerjazzmusik voll beglückender Harmonie von Bildpoesie und Musik.

Den Hauptanteil des Festivals bestritt der anglo-amerikanische Film, dessen Themenwandlung André Malraux sehr scharf, aber treffend charakterisierte: "Der Faustschlag ins Gesicht hat das junge, bachspielende Mädchen abgelöst." In der Tat ist die brutale Härte dieser Filme auffallend. Immer wieder steht die Gestalt eines gehetzten Menschen im Mittelpunkt, vielleicht das charakteristischste Symbol unserer Zeit, das sich auch in der Literatur von Kafka bis Graham Greene, von Julien Green bis Camus findet. Der Heroismus des tätigen Helden ist dem des Flüchtlings gewichen, die zukunftsfreudige vita activa wurde abgelöst durch das düstere Dasein in einer Welt voller Absurditäten, die tiefe Spuren zweier Weltkriege aufweist. Boultings "Brighton Rock" (nach Graham Greenes Roman), Rays "They Live by Night"; Sturges’ "The Capture" gehören in diese Reihe. Eine freundlichere Note brachte Sam Woods leicht sentimentale, aber menschenfreundliche "Kings Row", während Hitchcock in seinem Meisterwerk "Die 39 Stufen" mit großer Gewandtheit Ironie, Humor und Spannung zu vereinigen wußte. Ein Edward Dmytryk gewidmeter Tag erwies mit dem gegen den Antisemitismus gerichteten "Crossfire" und "Give us this day" nicht nur die filmkünstlerische Bedeutung sondern auch den menschlichen Wert dieses Regisseurs. Als der wohl wichtigste amerikanische Film muß Clarence Browns "Intruder in the Dust" (nach einem Roman von Faulkner) angesehen werden. Auf eine menschlich überlegene und künstlerisch ehrliche Art wird hier das Negerproblem behandelt. Mit einer intensiven inneren Dramatik wird die Geschichte eines unschuldig des Mordes angeklagten Negers erzählt, der gelyncht werden soll und dessen Unschuld im letzten Augenblick durch einige rechtlich denkende Weiße aufgedeckt wird. In ganz andere Regionen führte der tschechische Puppenfilm von Jiri Trnka, der auf eine bezaubernde Art Andersens Märchen "Die Nachtigall und der Kaiser von China" auf der Leinwand lebendig werden ließ.

Eines der erfreulichsten Ereignisse des Festivals war schließlich die Entdeckung des italienischen Regisseurs Michelangelo Antonioni, dessen erster Film "Die Chronik einer Liebe" in Anwesenheit des Autors in Biarritz uraufgeführt wurde. Dieser Film gibt eine Milieustudie der obersten Klassen Italiens und ist in manchen Zügen verwandt mit Renoirs klassischer "Règle du Jeu". Von Visconti und De Sanctis beeinflußt hat Antonioni einen neuen Weg eingeschlagen, der aus der fruchtlos gewordenen Situation des italienischen Neorealismus hinausführt. Der zweite Filmfestival von Biarritz gestaltete sich zu einem Treffen derer, denen der Film zum eigentlichen Anliegen ihres Lebens geworden ist. Er bot mancherlei Anregung und deutete neue Wege des Filmischen an. Wir danken "Qbjectif 49", das für eine lebendige Filmkunst kämpft und sich für verkannte und mißverstandene Filmkünstler einsetzt in der Erkenntnis, daß jede echte Kunst nie bei erreichten Zielen stehen bleibt, sondern in stetem Wandel Neues sucht.

Hansres Jacobi