Mißglückter Spaß mit ernster Kunst

Von Heinz Weniger

In Köln fand dieser Tage ein großer Bilderfälscherprozeß statt. Das Tribunal wurde zu einer ansehnlichen Ausstellung moderner Kunst mit echten Werken von Schmidt-Rottluff, Kirchner, Campendonk, Otto Mueller (allerdings als Heckel signiert) und Max Pechstein (Palau-Triptychon). Daneben hingen vier unechte kleine Nolde-Aquarelle und fünf unechte kleine Klees.

Zur Vorgeschichte: Vor einigen Jahren (1947) veranstaltete der Kölner Kunstverein die erste Ausstellung moderner Kunst seit Ende des Dritten Reiches. Sie trug den Titel „Von Klee bis Nolde“ und wurde bewacht von dem Faktotum des Kölner Kunstvereins, Josef Jenniches. Dieser Biedermann gehörte zu den Verächtern der modernen Kunst und kam zu – dem Schluß: „Dat kannste auch.“ So nützte er die Zeit des Wartens auf Publikum dazu, die Bilder „nur so aus Spaß“, nachzuahmen. Aus dieser Produktion sind die vier „Noldes“ und die fünf „Klees“ entstanden, die nun im Gerichtssaal als Corpora delicti hingen.

Die großen Ölbilder, die daneben hingen (von Schmidt-Rottluff, Kirchner, Campendonk, Otto Mueller und Pechstein), stammen aus dem Privatbesitz einer Emigrantin. Sie wurden von dem Leiter des Kölner Kunstverein, als die Besitzerin fliehen mußte, im Keller des Vereins dem Zugriff der Nazis entzogen. 1943 brannte das Haus ab. Jenniches nahm eine Anzahl der arg mitgenommenen Bilder aus dem Keller, wo sie vollends verrottet oder gestohlen worden wären, mit zu sich nach Hause, säuberte und restaurierte sie sorgfältig. Nach einigen Monaten allerdings verkaufte er zwei Stücke davon an einen Kölner Maler, um sich einen neuen Anzug und Schuhe dafür zu kaufen als Ersatz für die bei der Bergung eingebüßte Kleidung. Nach 1945, als er, selbst fliegergeschädigt und aus dem Felde zurückgekehrt, sich eine Wohnung schaffen mußte, setzte er nach und nach auch die anderen Bilder ab, und zwar nun an den Kölner Maler Robert Schuppner. Später, als Schuppner in ihn drang, ob er nicht noch mehr moderne Bilder habe, verkaufte er ihm nach und nach auch seine selbst angefertigten kleinen Klees und Noldes. Inzwischen erfuhr er, daß die Besitzerin der Bilder noch am Leben sei. Da packten ihn Gewissensbisse, und er versuchte nun, durch Tausch gegen seine Klees wenigstens das große Palau-Triptychon von Max Pechstein von Schuppner zurückzubekommen. Vergeblich!

Schuppner war früher als Bilderfälscher verurteilt worden. Er hatte seine Strafe bis Kriegsende abgebüßt, aber man hatte ihm auf fünf Jahre verboten, Kunsthandel zu treiben. Als nun durch Schuppner sowohl die echten großen Ölbilder wie auch die gefälschten kleinen Klees und Noldes hie und da auf Auktionen und in Galerien kamen, wurde man stutzig. Zwar viele der Kunsthändler oder doch solche, die sich damals vor der Währungsreform als solche ausgaben, faßten keinen Argwohn gegen die Bilder. Nur ein früherer Kunsthändler erklärte die „Klees“, als er sie in einer Kölner Galerie hängen sah, sofort für plumpe Fälschungen. Ähnlich urteilte ein Kölner Museumsleiter über die Aquarelle von Nolde. Man schickte sie an Emil Nolde. Der bestätigte das Falsifikat und empfahl, Strafantrag zu stellen. Leute, die Schuppner von früher kannten, hegten wohl den Verdacht, er sei als Fälscher rückfällig geworden (hierüber berichtete „Die Zeit“ am 20. Oktober 1949).

Das rückhaltlose Geständnis, das Jenniches ablegte, entlastete Schuppner vordem Verdacht der Fälschung. Das Urteil fiel denn auch gegen beide Angeklagten denkbar milde aus. Bei Jenniches ließ man gelten, daß er in über fünfzig Jahren seines Lebens niemals mit dem Strafgesetz in Konflikt gekommen und wohl nur infolge chaotischer Zeitumstände vorübergehend gestrauchelt sei. Er erhielt ein Jahr Gefängnis mit drei Jahren Strafaussetzung als Bewährungsfrist. Schuppner wurde freigesprochen, weil ihm die Betrugsabsicht nicht nachgewiesen werden konnte. Das Verfahren wegen verbotener Ausübung des Kunsthandels wurde eingestellt, da die dafür zu erwartende Strafe unter die Amnestie fiel

Viele, die über den Prozeß lachen, lachen nicht über Jenniches, sondern über die moderne Malerei. In Wirklichkeit hat dieser Prozeß nur dasselbe gezeigt wie der Prozeß gegen van Mtgeren, nämlich: daß wirkliche Kennerschaft etwas sehr Schweres und daher sehr Seltenes ist. Und ferner: daß der sogenannte Kunsthandel in den Nachkriegs- und Vorwährungswirren ungesund angeschwollen war. Man bekam im Zeugenstand allerlei wildes Gewächs als „Kunsthändler“ vorgesetzt. Auch auf diesem Gebiete muß recht bald und recht radikal die Spreu vom Weizen geschieden werden.