Von unserem österreichischen Korrespondenten

H. M. W. Wien, Anfang Oktober

Als am 26. September in Österreich das neue "Lohn- und Preisabkommen" verkündet wurde (ohne daß die davon untrennbare Frage des Wechselkurses, der Mietzinsregelung und anderer Probleme geklärt worden wäre), kam es zu Unruhen. Regierungsstellen wurden besetzt, der Bahnverkehr stillgelegt und Arbeiterkammern gestürmt Die Organisation dieser "Volkserhebung im kleinen" lag in sowjetrussischen Händen. Die "revolutionäre" Masse wurde in Lastwagen der russisch geleiteten USIA-Betriebe transportiert und mit Lautsprecherwagen dirigiert. Der revolutionäre Elan aber war recht sordiniert: als es gar zu regnen anfing, lichteten sich die Reihen, so daß der Zugverkehr früher als erwartet wiederaufgenommen werden konnte.

Trotzdem ist das Ganze mehr als nur eine "kommunistische Machenschaft". Die Bevölkerung ist wirklich beunruhigt und empört; nur ist ihre Haltung mehr resigniert als aufrührerisch. Auch haben sozusagen die falschen Leute auf den Bahngeleisen gesessen. Denn der Arbeiter ist nicht der Schwerstbetroffene. Bei ihm werden die höheren Preise – Brot stieg von 1,90 auf 2,40 Schilling, Mehl von 1,82 auf 2,90 Schilling, Kohle von 38,8 auf 47,4 Schilling – wenigstens teilweise durch Lohnerhöhungen ausbalanciert, die auch bei bescheidenen Lohntüten mindestens 100 Schilling betragen, wozu noch eine Erhöhung der "Ernährungsbeihilfe" pro Kind von 37 auf 60 Schilling kommt. Wie aber sollen die Freischaffenden, die Sparer, die Privatversicherten, die kleinen Hausbesitzer, die alt und krank sind, die Künstler mit ihren ohnedies winzigen Einkommen, wie sollen sie und andere sich nun über Wasser halten?

Der Kompromiß zwischen Sozialisten und Konservativen ist auf den Rücken der Schwächsten ausgetragen worden und das hat soviel Bitterkeit ausgelöst. Man wußte natürlich seit längerem, daß der Abbau der Subventionen und die Abschaffung eines völlig fiktiven Dollarkurses einmal notwendig werden würden. Der Gedanke lag nahe, die Folgen davon durch eine erhöhte und verbesserte, also auch verbilligte Produktion aufzufangen. Statt dessen hat man nun zum viertenmal das fatale Spiel einer generellen "Lohn- und Preisregelung" gespielt. Das österreichische Exempel beweist einmal wieder, daß es ebensowenig "ein bißchen Planwirtschaft" wie ein "bißchen Schwangerschaft" geben kann.

Dies alles entbehrt nicht tragischer Akzente: Seit nunmehr fünf Jahren leistet die Bevölkerung Ostösterreichs in ihrer stillen, wenig pathetischen Art einen im Grunde heroischen Widerstand gegen die russischen Okkupanten, dem europäische Bedeutung zukommt. Sie hat nun das Gefühl, daß ihr die Regierung wirtschaftlich in den Rücken gefallen ist. Wie tief die Bestürzung und Verbitterung geht, zeigt der Umstand, daß der rechtsradikale Verband der Unabhängigen teilweise mit der KPÖ gemeinsame Sache gemacht hat.

Im großen und ganzen haben allerdings die unruhigen Septembertage trotz allem die absolute Notwendigkeit der großen Koalition unterstrichen. Die Regierung hat weder in Wien, noch in Niederösterreich einen energischen Einsatz der Exekutive gewagt. Sie hat sich daher ganz auf die Vernunft und Einsicht der Arbeitermassen verlassen müssen, und es ist zweifelhaft, ob sie ohne Hilfe von Gewerkschaftsbund und SPÖ die Lage hätte meistern können. Die Erregung wird abklingen, die Massen werden sich erneut hinter den staatserhaltenden Großparteien sammeln, wenn auch ohne jeden Enthusiasmus...