Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, Anfang Oktober

In Westberlin kostet das 1500-Gramm-Brot 78 Pfennig. Und 87 Pfennig (Ost) kostet das noch immer rationierte Brot in den ostsektoralen Laden. Es gibt neuerdings in Ostberlin aber nicht nur rationiertes Brot –: die östliche HO hat den Auftrag bekommen, Brot in ihren Läden für 1,05 DM (Ost) zu verkaufen. Das kann die im Osten wohnenden Berliner nicht interessieren, denn Roggenbrot ist das einzige Nahrungsmittel, das ihnen in ausreichenden Rationen geliefert wird. Für Brot also brauchen sie ihre offiziellen HO-Schwarzläden nicht. Das 1.05 – DM - (Ost) - Brot soll die Westberliner locken, denn bei dem Währungsverhältnis von etwa 1 zu 5 kostet ein Ost-Brot die Westberliner nur reichlich 20 Pfennig. Natürlich geht die östliche Spekulation nicht darauf aus, den Westberlinern Gutes zu tun. Sie zielt darauf ab, die Westberliner Wirtschaft an einem empfindlichen Punkt zu treffen. Zu den rund 300 000 Arbeitslosen Westberlins sollen einige tausend neue aus der Brotindustrie kommen. So spekulieren die kommunistischen Strategen. Und tatsächlich –: sie verkaufen in den HO-Läden viel Brot. In den letzten Tagen hat die HO gegen 100 000 Dreipfundbrote verkauft. Fast ausschließlich, so versteht sich, an Westberliner. In Westberlin leben reichlich 2,1 Millionen Menschen und jeder von ihnen braucht im Durchschnitt pro Tag ein Pfund Brot. Etwa 300 000 also von 2,1 Millionen essen Ost-Brot.

Die Frage ist nicht so sehr, wie diese Schwierigkeiten behoben werden sollen oder können, sondern ob andere Gebiete des täglichen Lebens vom Osten her auf diesem Wege weiter bedroht werden können. Es sieht nicht so aus, denn mit dem HO-Brot hat der Osten bewußt und radikal den Währungsspiegel unterschritten, weil ihm dafür eine einstweilen nicht benötigte Getreidereserve zur Verfügung steht. Bei Fett, Fleisch, Zucker und schon gar bei allen substantiellen Nahrungsmitteln fehlt ihm unendlich vieles, den eigenen Bedarf auch nur annähernd zu decken. Daher sind die HO-Läden, so viele es auch in Ostberlin geworden sein mögen, immer nur bescheidene Bastionen gegen die üppige, reiche Verlockung des Westens, die unmittelbar hinter den Sektorengrenzen beginnt. Am Gesundbrunnen etwa sind diese Welten besonders drastisch getrennt. Mitten durch die Brunnenstraße, den großen typisch berlinischen Korso des Ostens, gegen die Scheidelinie. Kein Schlagbaum, keine Grenzmarkierung kennzeichnen sie: das Licht, die Bauten, die Menschen markieren sie dafür überdeutlich. Ein Gewühl ist um einen Freiluftstand, ein klumpiges, ungeordnetes Gewühl: dort hat die HO ihr 1,05 - Ost - Brot hingebracht. Das wird gekauft. Daneben, dahinter aber versinkt die Straße ins Dunkel, in die Öde von halben Ruinen, notdürftig verpappten Krimskramsläden mit Brauselimonade und Brotaufstrich. Da gibt es dann die düstere kleine Kneipe und den halbdunklen Bäckerladen ohne Kuchen, ohne Brötchen, mit Brot für 0,87 DM (Ost) auf Marken. Und da gehen plötzlich keine Menschen mehr, obwohl die U-Bahn über die Kreuzung hinweg ohne Rücksicht auf Ost und West zum Alexanderplatz fährt. Der U-Bahn-Eingang im sowjetischen Teil der Brunnenstraße ist schwer zu finden, während der westliche U-Bahn-Eingang weit und hell leuchtet. Doch die Passanten Strömen zum dunklen Ost-Eingang. 20 Pfennig (Ost) kostet es, wenn man im Dunkeln, 20 Pfennig (West), wenn man Im Hellen hinuntersteigt.

Die Gegensätze prallen aufeinander. Die ganze festliche Brunnenstraße hat mit ihren Lädenfronten nicht ausgereicht, den Begehrlichkeiten aus dem Osten zu genügen. In die Seitenstraßen hinein, in die langen Hofdurchlässe, in die Hinterhöfe selbst haben die Fleischer und Zuckerbäcker, die Trikotagenhändler und Schuhläden ihre Zelte, Hütten und immer stabiler werdenden Läden gebaut. Für die östlichen Berliner, die alle zwei Minuten der Bahnhof Gesundbrunnen ausspeit, sind hier die Güter und Möglichkeiten des Westens getürmt. Das sind keine staatlich sanktionierten Läden, die sich hier darbieten. Das ist keine politisch aufmarschierte Verlockung. Ein privater Händler oder Kaufmann aus Westberlin könnte es sich nicht leisten, hier lediglich seine prallen Schaufenster zu zeigen. Er muß verkaufen. Und er verkauft an die Menschen aus Ostberlin. Jedenfalls hat in der Brunnenstraße noch keiner Pleite gemacht. Dabei herrscht nicht einmal die modische Eleganz der Kurfürstendammpassagen oder die reichhaltige Skala der Steglitzer Schloßstraße. Hier bieten sich in soliden alltäglichen Läden die Ingredienzien des täglichen Gebrauchs dar. Und die Menschen aus dem Osten kommen mit ihrer dürftigen Ostmark und wagen manchen Kauf. Er reißt Löcher in ihren kargen östlichen Haushalt, aber er befriedigt Bedürfnisse, allzulang gehegte und durch keinen HO-Laden befriedigte Wünsche. Denn selbst wo der Preisvergleich noch den HO-Preis begünstigt, steht auf den westlichen Straßen des Lichts und der Fülle die Gediegenheit, die Qualität, die Auswahl, die Höflichkeit, die freie Lust, wählen zu können.

Im dunklen U-Bahn-Schacht der Brunnenstraße beginnt dann der östliche Alltag, der trübe östliche Abend. Aber die Augen der Ostberliner haben stundenlang vom Lichte der Lädengüter genossen, und in ihren schmalen Taschen wandert manch kostbares Stückchen mit an den dürftigen Herd an der Frankfurter Allee, in Weißensee, in Treptow. Der Broteinfall nach Westberlin hat nicht zum Sieg des östlichen Standards geführt.

An den Westberliner Litfaßsäulen klebt ein Plakat: es zeigt zwei flüchtige Schatten, die im Dämmer die Sektorengrenze überschreiten: "Wie nennt Berlin die, die im Westen verdienen und im Osten einkaufen?" steht als Aufforderung zu einem städtischen Preisausschreiben unter dem Plakat. "Schlaumeier" haben kommunistische Klebezettel über einigen dieser Plakate geantwortet. Ich sah einen Erwerbslosen lachen, als er diesen Zettel las. Er riß ihn ab. Und er sagte: "Ganz guter Witz. Aber den machen sie bloß außerhalb ihres Sektors. Bei sich, da haben sie verdammt wenig zu lachen." Er verschwand im Gewoge der Brunnenstraße. Er kann sich wenig von dem kaufen, was dort zum Kaufe lockt, deshalb nimmt er auch das Ost-Brot. Aber er weiß, daß nicht einmal Zucker dazugeliefert werden kann. Was die Peitsche aber anlangt, so ist er darüber sehr im Bilde.