Ich werde diese hohen Löhne herausquetschen, egal was es kostet – das sagte kürzlich der Manager der amerikanischen Bergarbeitergewerkschaft. Die Lohnpolitik muß künftig so organisiert sein, daß jede wirtschaftliche Branche unter der Erkenntnis steht, daß einer beabsichtigten Preiserhöhung automatisch eine Tarifkündigung folgt –, das erklärte Dr. Viktor Agartz im Auflage des Bundesvorstandes der Gewerkschaften. Beide Erklärungen entsprechen der Kampfauf-Fassung der Gewerkschaften, die durch internationale Kongresse der Spitzenfunktionäre auf dem Weg zu einer "Vierten Internationale" sind.

Mit anderen Worten: auf Deutschland zugeschnitten heißt das, die Gewerkschaften drängen darauf, die Wirtschaftspolitik Erhards und damit die des Bundeskabinetts von sich aus zu bestimmen. Dieser Sprung aus dem eigentlichen gewerkschaftlichen Aufgabenbereich heraus in die Sphäre der Machtpolitik um jeden Preis mit allen Gefahren der damit verbundenen Unelastizität an Entscheidungsfreiheit (aus Prestigegründen) ist bereits auf sehr heftige Kritik gestoßen. So der Soziologe Götz Briefs: "Es ist nicht wahr, daß die Gewerkschaft demokratisch bestimmen wird, welche Lohn- und Arbeitsbedingungen Gültigkeit haben sollen. Diese werden diktiert und autokratisch entschieden von den Männern an der Spitze der Gewerkschaften. Die Arbeiter, die nicht streiken wollen, müssen trotzdem mitmachen, weil der Demokratismus der Gewerkschaft an einen Punkt vorgestoßen ist, wo ein Mann, beraten und gestützt von einem Conseil, tatsächlich die ganze Macht in der Hand hat." Das heißt dann also "Wirtschaftsdemokratie".

Dies sagt aber nicht, daß das Idealbild der "demokratischen Wirtschaft" aus dem Spielbaukasten der Planwirtschaftler auch ein Idealzustand ist. Im Gegenteil. Die Erfahrungen im Gewerkschaftsland England, wo man maßgeblich in der Regierung sitzt, geben uns zu denken. Die Wöchenlöhne stiegen in England von Juni 1947 = 100 auf 110 im Juni 1950, die Lebenshaltungskosten von 100 auf 114, Ernährung allein auf 119. In einer Zeit, in der die Löhne in England nur um 10 Punkte gestiegen sind, haben sich die Lebenshaltungskosten um 14 und die der Ernährung sogar um 19 Punkte erhöht. Der Reallohn des englischen Arbeiters ist also in den letzten Jahren ständig zurückgegangen; in Deutschland aber haben sich dank der sozialen Marktpolitik die realen Wochenverdienste des deutschen Industriearbeiters um nahezu 50 v. H. erhöht und liegen jetzt (Juni 1950) bei 150 gegen 100 im Juni 1948, 125 im Dezember 1948, 137 im Juni 1949 und 142 im Dezember 1949. Die Lebenshaltungskosten haben sich in gleicher Zeit bei 100 im Juni 1948, über 111 im Dezember 1948, auf wieder 100 im Juni 1950 gehalten.

Wir sehen in der Aktivität der Gewerkschaften auf dem Gebiete der Sozial- und Lohnpolitik durchaus ein Positivum für Deutschland. Dr. Böckler ist "das soziale Gewissen Deutschlands" und mit Recht häufig genug die warnende Stimme in Bonn. Wir meinen aber, daß die keineswegs mehr in allen Punkten sachliche, zuweilen sogar recht polternde Methode von Dr. Agartz nicht sehr glücklich ist. Diese Methode fordert nicht nur Gegenwirkung heraus, sie macht jene sogar erforderlich, weil die jetzt eingeschlagene Lohnpolitik die Gefahr in sich trägt, daß die soziale und wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung Westdeutschlands aus ihrer bisherigen Richtung der Stabilität und der sozialen Besserstellung für Millionen Menschen herausgedrängt wird. Die gewerkschaftliche Lohnpolitik, die Hand in Hand mit gewerkschaftlichem Zwang zur innerbetrieblichen Rationalisierung gehen soll – "wir müssen die deutschen Unternehmungen gleichsam unter den Zwang zur Rationalisierung setzen’ – verlangt eine doppelte Warnung. Nachdem die deutsche Wirtschaft bereits Rohstoffverteuerungen von mehr als 30. v. H. durch innere Rationalisierung und Verzicht auf im Preise noch enthalten gewesene Selbstfinanzierungsspannen aufgefangen hatte, werden übermäßige Lohnsteigerungen vielfach nur noch durch Abbau zu teuer gewordener Arbeitskräfte und durch Flucht in eine Übermaschinisierung beantwortet werden können, was einmal Arbeitslosigkeit, zum anderen meist Fehlinvestition bedeutet.

Daß sich der Bogen der Lohnerhöhungen, ökonomisch gesehen, überspannen läßt, deuten bereits erste Anzeichen schwindender Produktivität an. Der Reallohn je Arbeitstunde März 1949 = 100 hat im Juni 1950 den Stand von 119 erreicht. Die Produktionleistung je Arbeitsstunde ist von 100 nur bis 113 angestiegen, davon im Bergbau, wie wir bereits kürzlich aufführten, überhaupt nicht. Ohne Zweifel ist der Arbeiter auf diese Weise stärker als die übrigen Teilhaber im Wirtschaftsleben am Aufschwung der industriellen Produktionsleistung beteiligt worden und die Lohnquote hat sich durchaus zum Guten entwickelt. Wir sind jedoch der Auffassung, daß zur Stunde der jetzt erreichte Lohnstand, zumindest bis in das kommende Frühjahr hinein, gehalten werden muß. Die Wirtschaft braucht Zeit, sich den neuen Verhältnissen anzupassen und die zusätzlichen Kosten zu verdauen, um die Kontinuitat einer zur Zeit überaus günstigen wirtschaftlichen Gesamtentwicklung zu bewahren und zu befestigen. Reichelt