Die bewundernswerte Dokumentation seines Lebenswillens, die Berlin mit der "Deutschen Industrie-Ausstellung 1950" vor der gesamten Welt darlegt, hat eine immer stärker werdende Anziehungskraft: in den Ausstellungshallen hört man die Sprachen aller Völker. Natürlich besuchen auch die Westberliner in Massen "ihre" Ausstellung; hinzu kommen erfreulich viele Gäste aus Westdeutschland. Aber von besonderer Bedeutung ist der Besuch für die Bevölkerung aus dem Ostsektor Berlins und aus der sowjetischen Zone. Es ist leicht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Man erkennt sie an ihrer Kleidung und an den farblosen Kopftüchern der Frauen, die jenseits des Eisernen Vorhanges immer noch zum normalen Kleidungsstück gehören. Für diese Menschen aus Magdeburg, Cottbus, Dresden, Brandenburg, Senftenberg oder Rostock ist die Ausstellung in vielen Fällen das erste Zusammentreffen mit einer friedlichen Welt wirtschaftlichen Aufbaues.

Berlin hat ein bisher unerreichtes Maß der Vollkommenheit einer internationalen Ausstellung stellen können. Dieses Lob soll uneingeschränkt zugestanden werden. Andererseits aber muß diese Feststellung den westdeutschen Messestädten weiterer Ansporn sein und den bisher anscheinend unbelehrbaren sonstigen "Ausstellungsstädten" den Wunsch nahelegen, nun endlich dem Wirrwarr des westdeutschen Ausstellungswesens im Interesse der Wirtschaft und im Interesse der jeweils mehr oder weniger enttäuschten Besucher ein schnelles Ende zu bereiten.

Ohne Zweifel wird diese Ausstellung für die Westberliner Wirtschaft neue Impulse auslösen. Daß dafür die Voraussetzungen gegeben sind, betonte Baurat Spennrath, als er als größtes Aktivum Berlins die verbliebenen tatkräftigen Facharbeiter und Unternehmer bezeichnete. Hier erweist es sich als ein gewisser Vorteil, wenn Berlins Wirtschaft schon immer mehr arbeits- als materialbetont war. Die ersten Erfolge sind überall zu spüren. In den ersten sechs Monaten 1950 hat sich der Berliner Export gegenüber der Vergleichszeit des Vorjahres verachtfacht. Mit 40 v. H, steht der Export elektrotechnischer Erzeugnisse an der Spitze. Je 25 v. H. entfallen auf Maschinenbau und chemische Erzeugnisse. Im August wurden Waren im Werte von 2,23 Mill. $ exportiert; hauptsächlich nach Frankreich, Holland, Polen, Schweden, Ungarn, der Schweiz, Dänemark und Belgien. Es ist verständlich, daß man diese Exportentwicklung in Hamburg und Bremen mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt. Aber auch für das übrige Westdeutschland gewinnt Berlin von Monat zu Monat eine steigende Bedeutung. Allein im August wurden Waren im Werte von 168,5 Mill. DM nach Berlin geliefert. Und Berlins Lieferungen nach Westdeutschland stiegen auf einen Wert von 94,7 Mill. DM, nachdem sie im Juli nur 75 Mill. DM betragen hatten. Darin sind nicht die meist als Paketlieferungen erfolgenden Sendungen der stark im Kommen befindlichen Bekleidungsindustrie Berlins enthalten, die im August auf 15,3. Mill. DM veranschlagt wurden.

Baurat Spennrath wies im Rahmen der wirtschaftspolitischen Tagungen, die aus Anlaß dieser größten wirtschaftlichen Veranstaltung im Nachkriegsberlin abgehalten wurden, überzeugend nach, daß mit dem Bekenntnis der Verbundenheit Westdeutschlands zu Berlin noch nicht alle Konsequenzen gezogen worden seien. Bisher beläuft sich die Westberliner Produktion erst auf ein Drittel von 1936. Oberbürgermeister Reuter sagte es deutlicher: "Aufträge – sie sind das Zauberwort, mit dem der Berliner Wirtschaft wirklich geholfen werden kann". ww.