Von J. B. Priestley

Wir bringen hier einen ebenso amüsanten wie durchaus ernsthafter Überlegung würdigen Abschnitt aus dem Buch von J. B. Priestley Midnight on the Desert" (Eindrücke und Gedanken eines Amerika-Aufenthalts), das bisher in Deutschland nicht erschienen ist. – Priestley sitzt in seiner kleinen Arbeitshütte in Arizona und verbrennt in einem eisernen Öfchen in Monaten angesammelte Briefe und Papiere, ehe er die Ranch verläßt, die ihn und seine Familie den Winter über in der "Neuen Welt" beherbergt hat. Noch einmal ziehen dabei an seinem geistigen Auge die Erlebnisse, Gedanken und Anregungen seines Amerika-Aufenthalts vorüber. Von Betrachtungen über den amerikanischen Menschen und den Sozialismus der Zukunft kommt er zu Gedanken über einen Staat, der "frei von Not und Furcht ist."

Ich fragte ‚mich, wie der sozialistische Staat eigentlich aussehen sollte, der mir vorschwebte. Und es fiel mir ein Vortrag ein, den ich einmal vor Jahren im Rahmen einer Sendereihe am Londoner Rundfunk gehalten hatte. Es war mir freigestellt worden, innerhalb der ziemlich puritanischen Zensurgrenzen unseres BBC alles und jedes zu diskutieren, und in diesem speziellen Vortrag hatte ich lustig meinen vollkommenen Staat umrissen. Und obwohl Beharrlichkeit nicht zu meinen Tugenden – oder Lastern – gehört, hatte ich meine Meinung inzwischen wohl wenig geändert. Was hatte ich gesagt? Nach einigem Nachdenken erinnerte ich mich, daß ich mit der Erklärung angefangen hatte, in meinem Lande – und ich konnte mir gut vorstellen, wie an dieser Stelle zehntausend aufgebrachte alte Herren ihren Apparat abschalteten – in meinem Lande arbeite niemand für seinen Unterhalt. Ich meinte für den reinen Lebensunterhalt und sagte das wohl auch. Die ganze Sendung kam mir wieder ins Gedächtnis. Und ich konnte einfach die Argumentation in die Gegenwart übertragen.

Also in meinem Lande arbeitet niemand für das nackte Leben. Dem Staat gehört alles, was für den Lebensunterhalt notwendig ist, und er verteilt es gratis. Man arbeitet für Luxus und Vergünstigungen; wenn man auf solche Privilegien Wert legt – und das tun doch die meisten leidenschaftlich – dann muß man eben arbeiten. Beides kann man in meinem Lande nicht haben: alle Annehmlichkeiten für sich erraffen und dazu nichts tun. Und unter Lebensnotwendigkeitenverstehen wir auch nur wirklich Notwendiges: saubere Unterkunft, einfaches Essen, nötige Kleidung; aber nicht Alkoholika, Zigaretten und Geld für Kino und Glücksspiel. Und ich glaube nicht, daß viele Menschen den Müßiggang wählen würden, wenn sie dabei zu einem so kargen Leben verdammt wären. Aber es gibt einige wenige – und warum auch nicht? – die dieses schmale Dasein der Arbeit vorziehen würden; komische Käuze wie Philosophen ohne Schüler und Leser, Dichter im stummen Stadium und geborene Vagabunden; und manchmal gehen aus dieser Klasse recht beachtenswerte Leute hervor. Warum sollten wir sie also ausmerzen wollen? Wir ernähren sie auch jetzt zum größten Teil und eine ganze Reihe kostspieligerer Parasiten dazu.

Wir in meinem Lande finden nichts mystisch Rechtes und Schönes an der Arbeit, das heißt nicht an der kooperativen Arbeit für die Gemeinschaft. Über unsere private Tätigkeit, über die Arbeit, die wir uns selber aussuchen, sind wir anderer und sehr verschiedener Meinung. Und wir unterscheidet sehr erheblich zwischen Notwendigem und Luxus; zwischen dem, was man unbedingt braucht und dem, was das Leben nur vergnügter macht; obwohl es natürlich Grenzgebiete gibt, über die wir weidlich diskutieren. Aber das Wesentliche ist eben, daß alles Notwendige vom Staat selbst hergestellt wird, der dahin entschied, daß keine Privatpersonen Besitzansprüche auf derart lebenswichtige Dinge erheben können. Dagegen werden die meisten Luxusartikel von Privatunternehmen produziert. Der Unterschied zeigt sich etwa bei Wasser und Wein. Der Staat besitzt und verteilt natürlich den Wasservorrat, aber bei einer Privatperson, der solche Dinge mehr am Herzen liegen, kauft man sich eine Flasche Wein. Oder Brot und Suchen. Es gibt ein staatliches Normalbrot; ordentliches, bekömmliches, gewöhnliches Brot, von dem jeder sein Teil erhält. Wir wollen aber keinen staatlichen Kuchen, denn Kuchen ist eine Sache des persönlichen Geschmacks und persönlichen Kundendienstes, und man kann also auch weiterhin seinen Kuchen, so richtigen hausgebackenen, in kleinen Läden kaufen.

Wir haben noch Geld, weil es bequemer ist als ein System von Rationen und Krediten; aber es spielt natürlich eine viel geringere Rolle im Leben der Gemeinschaft. Es ist mehr wie Jungentaschengeld, das man klimpern läßt und ausgibt. Man kann es nicht lange horten, auch nicht als Ware betrachten und damit handeln. Es gibt keine Finanziers in meinem Land, keine Leute, die mit Geldern jonglieren; solche Erscheinungen sind Mir uns etwas längst Vergangenes wie mittelalterliche Barone oder Räuber. Die Tatsache, daß jemand durch geschickte Geldmanipulationen zu großer Macht gelangen könnte, würde den Menschen in meinem Lande genau so dumm vorkommen, wie jeder heutzutage es dumm finden würde, wenn jemand durch das Anhäufen riesiger Mengen Spielmarken sich eine beherrschende Stellung verschaffen wollte. In der Tat gleicht in meinem Lande das Geld jenen bunten Marten, die man beim Kartenspielen verwendet, nur daß man dafür auch Blumen, Wein, seidene Hemden, Bücher, Bilder oder wonach einem sonst der Sinn steht, erwerben kann. Aber es kann die Lebensgrundlagen nicht berühren und ist keine Quelle der Macht.

Wie aber sollen bei uns die Leute ein Geschäft anfangen, wenn wir wohl noch Privatunternehnen, aber keinen Geldverkehr, mehr haben? Nun, ciese Gewerbe, die nur Luxusartikel betreffen, sind nicht sehr umfangreich, weil wir gefunden haben, daß Luxusgüter besser in kleinem Maßstab produziert werden. Da außerdem der Staat für alles Notwendige sorgt, sind die Lohnzahlungen nicht hoch. Aber wenn sich dennoch ein Kredit als nötig erweisen und nicht durch ein freundschaftliches Tauschsystem zu beschaffen sein sollte, dann wird der Staat selbst ihn bereitstellen, dem natürlich an dem Wohlergehen seiner Bürger gelegen ist und der daher darauf sieht, daß neue Wünsche durch neues Angebot befriedigt werden. Das funktioniert selbstverständlich nicht alles tadellos – wir sind ja nicht im Himmel – und bisweilen mag jemand mit einer wirklich aufregend neuen Idee längere Zeit lahmgelegt sein, bis er sich überzeugend durchsetzen kann; aber inzwischen werden er und die Seinen nicht verhungern. Wir haben für immer die alte Angst vor der Not gebannt.