Immer wieder wird man beim Studium der Geschichte darauf stoßen, daß neben oder hinter den Männern, deren Namen in das Bewußtsein der Völker eingehen, andere stehen – als Berater, als Antreiber oder als Warner. Meist sind es kluge und einsichtsvolle Menschen, die, vom Schicksal zum "Zweiten Mann" bestimmt, ihre Tätigkeit mit ehrlichem und uneigennützigem Wollen ausüben. Ihre Tragik aber ist oft, daß sie ihre Erkenntnisse nicht oder zuwenig nutzen und ihre Pläne zuwenig in die Tat umsetzen konnten. Zu ihnen gehört auch Adolf Heusinger. Er legt jetzt ein Buch vor, in dem er versucht, Geschichte und Geschick der deutschen Armee zwischen 1923 und 1945 einzufangen. (K. A. Heusinger "Befehl im Widerstreit", Rainer Wunderlich Verlag, Tübingen.)

Heusinger war General. Er wirkte seit 1937 ununterbrochen in der mit der strategischen Führung des Heeres beschäftigten Operationsabteilung, seit 1940 bis zu seiner Verhaftung nach dem 20. Juli 1944 als deren Chef. Er war der erste Berater des Chefs des Generalstabes. Es gibt wahrscheinlich keinen deutschen lebenden Offizier außer ihm, der so lange in den entscheidenden Jahren des Dritten Reiches an einer für alles Militärische so bedeutsamen Stelle gestanden hat. Diese einmalige Kontinuität des Miterlebens schon macht sein Buch bemerkenswert. Allerdings wenn man nach rein literarischen und historischen Maßstäben mißt, könnte man eine Reihe von Einwendungen machen. Da ist beispielsweise die überraschende Form, die Heusinger gewählt hat: In 91 lose aneinandergereihten dramatisierten Szenen, Gesprächen und Briefen gestaltet er seinen Geschichtsbericht. Vielleicht hat ihn dabei Gobineau mit seiner Darstellung der Renaissance vorgeschwebt, eine nicht ganz ungefährliche Nachbarschaft.

Nichts Wesentliches der Historie bleibt unberührt. Aber neben den wichtigen Stationen der Geschichte gab es Geschehnisse von großer Tragweite, die bis heute ganz oder teilweise von einem Schleier verdeckt sind. Diesen Schleier lüftet Heusinger, und wir erleben, wie es tatsächlich zum Bruch zwischen Brauchitsch und Hitler kam, wie Jodl brüsk in eine Isolierung gedrängt wurde, aus der heraus er als einzige Konsequenz die Resignation fand. Die großen strategischen Fragen in ihren wirklichen Zusammenhängen werden klar herausgestellt, der vergebliche Kampf Halders und Zeitzlers um eine vernunftgemäße Kriegführung ersteht ebenso vor unseren Augen wie ihr Abschied in Ungnade.

Zweifellos stellt das Buch Ansprüche an den Leser. Es zwingt zum Nachdenken und zu eigener Stellungnahme. Die Art der Darstellung kommt der von Heusinger angestrebten Entsubjektivierung sehr entgegen, wobei es sympathisch berührt, daß er sich selbst nicht schont. Ein Kommentar wird nicht gegeben, die Schlußfolgerung dem Leser überlassen. Besonders eindringlich wird die von Hitler gewollte, verhängnisvolle Zersplitterung der obersten Führung sichtbar gemacht. Die ganze Problematik des 20. Juli und des Weges, der zu ihm fühlt, wird ausgebreitet, aber der Linie des Buches getreu vom Autor nicht verwertet. Nur einmal, im letzten Gespräch, steht ein Satz, der wohl die Grundeinstellung Heusingers wiedergibt: "Es gab keine grundsätzliche Entscheidung für alle, nur tragische unlösbare Widersprüche der Pflichten. Sollte die eine erfüllt, mußte die andere verletzt werden. Was dabei Schuld ist, können Menschen nicht entscheiden."

Joachim Rogge